Mittwoch, 28. Juni 2017

Eine knappe Mehrheit für das bedingungslose Grundeinkommen.

aus ipsos, 13. Juni 2017

Jeder zweite Deutsche für bedingungsloses Grundeinkommen.

Hamburg, 13. Juni. Jeder zweite Deutsche (52%) ist für die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Nur jeder fünfte (22%) spricht sich dagegen aus, fast ebenso viele sind in dieser Frage unentschieden. Das ergab eine aktuelle länderübergreifende Studie des Markt- und Meinungsforschungsinstituts Ipsos. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland damit hinter Serbien und Polen, wo 67 bzw. 60 Prozent der befragten Personen ein universelles Grundeinkommen befürworten.

Am wenigsten Fürsprache erhält das Grundeinkommen in Spanien (31%) und Frankreich (29%). Dort wird es von fast jedem zweiten Befragten abgelehnt (45% bzw. 46%). In den USA (je 38%) und in Großbritannien (33% Zustimmung, 38% Ablehnung) sind Zustimmung und Ablehnung nahezu gleichgroß.

Grundeinkommen als geeignetes Mittel gegen Armut

Sechs von zehn (59%) der Befragten in Deutschland glauben, dass mit einem Grundeinkommen die Armut in ihrem Land reduziert werden könnte, nur jeder achte Deutsche (13%) widerspricht.

Die Menschen in Kanada sind ähnlich optimistisch (61%), in den USA sind es 56 Prozent. In Belgien (54%). Großbritannien (51%) und Schweden (52%) gibt es leichte Mehrheiten für diese Ansicht. Allein die Franzosen sind in der vorliegenden Studie überaus skeptisch, 30 Prozent glauben nicht, dass ein Grundeinkommen die Armut in Frankreich reduzieren könnte.

Mehr Zeit für Familie und soziales Engagement

Die Mehrheit der Deutschen (61%) sind der Meinung, dass die Einführung eines Grundeinkommens ihnen die Möglichkeit geben würde, mehr Zeit mit ihrer Familie zu verbringen. Dass sich die Menschen durch ein Grundeinkommen häufiger in der Gemeinschaft engagieren würden, glaubt immerhin noch knapp die Hälfte (46%). Damit liegen die Deutschen in beiden Fragen über dem Durchschnittswert der zwölf untersuchten Länder. Allerdings sind viele Deutsche in ihrer Meinung auch noch unsicher, denn 30 bzw. 37 Prozent stimmen den Aussagen weder zu, noch lehnen sie diese ab.

Sinkende Arbeitsmoral bei Einführung eines Grundeinkommens

Potentielle Nachteile eines Grundeinkommens werden in Deutschland weniger häufig wahrgenommen als in anderen Ländern. Dennoch glaubt ein knappe Mehrheit der Deutschen (55%), dass ein Grundeinkommen die Menschen davon abhalten würde, einer Erwerbsarbeit nachzugehen oder sich diese zu suchen (weltweit 53%). Und fast jeder Zweite (47%) sieht die Gefahr, dass ein Grundeinkommen die Menschen abhängiger vom Staat machen würde (weltweit 58%).

Eine zunehmende Abhängigkeit vom Staat wird mit jeweils mehr als zwei Dritteln am stärksten in den USA (69%) und in Frankreich (67%) als negative Konsequenz gesehen. In diesen Ländern erwartet auch ein Großteil der Befragten, dass ein Grundeinkommen die Menschen davon abhalten wird, einer Erwerbsarbeit nachzugehen (USA: 63%, Frankreich (61%).

Deutsche bei der Finanzierung des Grundeinkommens vergleichsweise optimistisch

Vier von zehn Deutschen (42%) glauben, dass ein Grundeinkommen die Steuern auf ein unbezahlbares Niveau anheben würde (weltweit 49%). Knapp ein Viertel (24%) meint, dies hätte keine steuerliche Auswirkung (weltweit 19%). Damit ist Deutschland bezüglich der Finanzierbarkeit eines Grundeinkommens das optimistischste Land unter den G7-Staaten (Japan war nicht Teil der Erhebung).

Die größte Skepsis herrscht wiederum in Frankreich. Dort glauben fast zwei Drittel (63%), die Steuerlast würde durch ein Grundeinkommen untragbar. Auch in den USA und Großbritannien fürchtet noch ungefähr jeder zweite (56% bzw. 49%) ein unbezahlbares Steuerniveau.

Dr. Robert Grimm, Leiter Politik- und Sozialforschung: „Macht es frei, verringert es Armut und senkt die Abhängigkeit vom Staat?" Die Vor- und Nachteile eines bedingungslosen Grundeinkommens wurden in den letzten Jahren auf europäischer Ebene ausgiebig diskutiert. Die Schweizer lehnten es 2016 in einem Referendum ab, in Finnland wird es dieses Jahr mit einer signifikanten Anzahl von Probanden getestet. Deutsche Politiker und Experte sind hingegen eher skeptisch. Das bedingungslose Grundeinkommen liegt nach Meinung der SPD außerhalb der „ökonomischen Vernunft“  und auch Marcel Fratzscher, Präsident des DIW, glaubt nicht, dass ein Grundeinkommen dazu beiträgt, die Chancengleichheit in Deutschland zu erhöhen. Die Deutschen selbst sind sich noch uneins. Wäre es vielleicht deshalb an der Zeit, eine solche Initiative in einem sozialen Experiment ordentlich zu evaluieren?“


Nota. - Dass die Debatte in die Breite geht, kann man nur begrüßen. Verständlich ist auch der grundsätzliche Pragmatismus in dieser Frage: "Probieren geht über studieren", sagt der gesunde Menschenverstand - und meint, man solle irgendwo einen großen Feldversuch durchführen. 

Nur ist gerade das unrealistisch. Bevor man auch nur theoretisch ein Experiment ins Auge fasst, sei es ein physikalisches, sei es ein soziales, müssen erst die Versuchsbedingungen festgestellt werden - die sachlichen Prämissen, unter denen der Versuch durchgeführt werden soll. Aber das bedingungslose Grundeinkommen würde ebendiese Prämissen selber verändern. Nur weiß man nicht, wie - denn  das sollte mit dem Feldversuch ja erst herausgefunden werden!

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Das einstweilen geltende Gesellschaftsmodell geht davon aus, dass Wertschöpfung letzten Endes nur durch menschliche Arbeit geschieht. Die Öffentlichen Angelegenheiten können daher nur bezahlt werden durch einen Anteil an der gesamtgesellschaftlich erbrachten Arbeit. Auf Deutsch: Letzten Endes sind unsere Steuern ein Abzug vom Arbeitsertrag. Die Arbeit wird besteuert. 

Das Argument für das Grundeinkommen ist aber: In der Industrie 4.0 entstehen die - explosionsartig anwach- senden - Werte nicht länger aus der - schwindelerrend schwindenden - menschlichen Arbeit. Gewinne werden offenbar immer noch gemacht, aber sie sind kaum noch Resultat wirklicher gegenwärtiger Arbeit, sondern von Jahrhunderten vergangener Arbeiten, die in Wissenschaft und Technik vergegenständlicht sind. Nicht die lebendige Arbeit sollte besteuert werden, sondern die akkumulierte tote.

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Angenommen, Schleswig-Holstein führte bei sich ein bedingungsloses Grundeinkommen von 1000 € ein - diese Idee hat die Diskussion bei uns neu entfacht. Aus dem eigenen Steueraufkommen von Schleswig-Holstein werden sie es kaum bezahlen wollen noch können. Was wäre für die Finanzierbarkeit also erwiesen? Was wäre bewiesen, wenn ein paar Zehntausend erstmal für ein paar Monate - oder auch Jahre, wer weiß das schon - blaumachten? Wenn einer entscheiden kann, sein ganzes Leben der schönen Kunst oder dem Erkunden fremder Länder, der interesselosen Betrachtung, dem Lob seines Herrn oder womöglich der frohen Geselligkeit zu widmen, ohne sich über seinen Lebensunterhalt den Kopf zerbrechen zu müssen, ist das - eine ganz andere Welt

Das kann man nicht "einfach mal ausprobieren". Da muss man viel ausforschen, da muss man viel nachdenken, da wird man vor allem: viel streiten müssen. 

Aber zu all dem muss man sich erst einmal die Mittel geben. Und darum kann der Streit nicht früh genug und nicht breit genug geführt werden, denn schon das allein wird ordentlich was kosten.
JE


Dienstag, 27. Juni 2017

Keine Ehe für alle.


 
Der ursprüngliche Grund, die Ehe rechtlich und namentlich steuerrechtlich zu privilegieren, war der: Nur in der Ehe werden legitime Kinder geboren, die den Familienbesitz erben und vererben können. Eine Gesellschaft, die meinte, auf Familie und auf Eigentum zu gründen, konnte nicht anders entscheiden.

In Zeiten des anonymen Aktienkapitals, das von Angestellten verwaltet wird, steht das Erbrecht nicht mehr im Vor- dergrund. Es ist nicht einmal mehr die Regel, dass aus einer Ehe Kinder hervorgehen - und auch nicht die Regel, dass ein Kind aus einer Ehe hervorgeht.

Man könnte nun sagen: Streichen wir das Institut einfach, dann haben wir einen Zankapfel weniger. Denn einen Grund, das Zusammenleben von zwei Leuten, seien es Frauen, seien es Männer, steuerlich oder sonstwie zu privi- legieren, gibt es nicht: Das sind Privatangelegenheiten, die den Staat nichts angehen. Ein gemeinsamer Haushalt ist in der Regel ohnehin billiger.

Schon richtig, nur gibt es eben Lebensgemeinschaften von jeweils einem Mann und einer Frau, in denen tatsächlich Kinder geboren werden. Das Großziehen der Kinder muss allerdings von der staatlichen Gemeinschaft unterstützt werden. Und dass der Mann und die Frau zusammenbleiben, solange die Kinder minderjährig sind, verdient eben- falls öffentliche Förderung. Das hat mit dem Rechtsinstitut Ehe aber nichts zu tun.

Nun war die steuerliche Privilegierung der Ehe allerdings auch als Aufforderung zum Kinderkriegen gedacht: Der gemeinsame Haushalt sollte finanziell so gestellt sein, dass ein elementarer Hausstand, der für die Kinderaufzucht erforderlich ist, überhaupt erst eingerichtet werden konnte: eine "ursprüngliche Akkumulation". Aber auch dazu ist das Rechtsinstitut Ehe nicht unverzichtbar. So konnten in der DDR großzügige Familiendarlehen fruchtbar abge- kindert werden. Und auch im Westen kommen Kinder inzwischen viel zu oft ohne Rücksicht auf die wirtschaftlich-sozialen Lebensbedingungen zu Welt. Wenn andererseits Eheleute sagen, sie wollten ja Kinder haben, aber sie hätten noch nicht genug angeschafft, dann kann man die Kinder, die dort nicht zur Welt kommen, nur beglückwünschen.

Kurz und gut, man könnte ohne reellen gesellschaftlichen Schaden das Institut Ehe getrost abschaffen, für alle.








Kein Ende der Migrationen - im Gegenteil.

Blick auf einen Teil des Mississippi-Deltas. Allein dieses wird durch den Meeresspiegelanstieg in den nächsten 50 Jahren rund 5.000 Quadratkilometer Landfläche verlieren.
aus scinexx                                                                                                                           im Mississipi-Delta

Zwei Milliarden Klimaflüchtlinge bis 2100?
Steigende Meeresspiegel könnten Massenflucht aus Küstengebieten auslösen

Massenhafte Küstenflucht: Bis zum Jahr 2100 könnte ein Fünftel der Weltbevölkerung zu Klimaflüchtlingen werden – wenn der Klimawandel ungebremst weitergeht. Denn die steigenden Meeresspiegel könnten dann eine Massenflucht aus den dicht bevölkerten, aber zunehmend überfluteten Küstenregionen auslösen. Bereiten sich die Länder darauf nicht vor, könnten nutzbare Flächen im Landesinneren knapp werden, warnen Forscher.

Dass es in Zukunft immer mehr Klimaflüchtlinge geben wird, ist nicht neu. Bereits im Jahr 2010 waren weltweit 42 Millionen Menschen auf der Flucht vor klimabedingten Naturkatastrophen – Tendenz stark steigend. Die Gründe sind dabei vielfältig: Vor Kurzen erst warnte die UN, dass allein der zunehmende Landverlust durch Bodenerosion in den nächsten zehn Jahren 50 Millionen Menschen zu Flüchtlingen machen wird. Teile des Nahen Ostens und Nordafrikas könnte zudem schlicht zu heiß für eine Besiedlung werden. 

Ozean frisst Küstengebiete 

Doch dies ist noch nicht alles, wie Charles Geisler von der Cornell University und Ben Currens von der Kentucky University erklären. Denn wie sie ermittelt haben, könnten vor allem die steigenden Meeresspiegel eine wahre Völkerwanderung auslösen. "Bisher hat die Menschheit beträchtliche Mühe darauf verwendet, den Meeren neues Land abzuringen", erklärt Geisler. "Aber jetzt müssen sie mit dem Gegenteil leben – die Ozeane erobern weite Landflächen unseres Planeten zurück." 


Besonders von Überschwemmungen bedroht sind schon heute gerade die dicht besiedelten und fruchtbaren Küstenniederungen und Flussdeltas. Geht der Klimawandel ungebremst weiter, könnten bis 2100 weite Teile dieser Flächen überflutet oder zumindest von regelmäßigen Sturmfluten bedroht sein, sagen die Forscher.

Massenexodus aus den Küstengebieten

"Jüngste Forschungen deuten darauf hin, dass der globale Meeresspiegelanstieg die niedrig liegenden Küstengebiete schneller als erwartet gefährden wird", so Geisler und Currens. "Dies wird die Küstengeografie verändern, die bewohnbare Landmasse verringern und signifikante Migration aus den Küstengebieten heraus auslösen." Vom Meer vertrieben müssen die Küstenbewohner weiter ins Inland ausweichen, möglicherweise wird es sogar Massenumsiedlungen und Evakuierungen geben.

Der Ballungsraum Shenzen in China liegt direkt an einem Flussdelta

Hinzu kommt: Bis 2100 werden die Ballungsräume entlang der Küsten noch dichter besiedelt sein als heute. Nach Schätzungen der UN könnte die Weltbevölkerung bis 2050 auf neun Milliarden Menschen anwachsen, bis 2100 könnten es elf Milliarden sein. Geisler und Currens schätzen, dass bis zum Jahr 2060 bereits 1,4 Milliarden Menschen zu Klimaflüchtlingen werden könnten. Bis zum Jahr 2100 könnten es im Extremfall zwei Milliarden werden – knapp ein Fünftel der gesamten Menschheit.

Wird nutzbares Land knapp?

Das Problem: Die Flächen im Landesinneren sind begrenzt. Ein Teil davon ist für eine Besiedlung oder Bebauung ungeeignet – beispielsweise, weil sie zu gebirgig sind. Ein weiterer Anteil ist zu trocken und durch Desertifikation nicht bewohnbar und auch nicht als Anbaufläche nutzbar. Auch dort, wo schon Ballungsräume liegen und die Landschaft weitgehend zersiedelt und bebaut ist, bleibt nur wenig Raum für die einwandernden Küstenbewohner. 

"Wir werden schneller, als uns lieb ist, mehr Menschen auf immer weniger Land haben" sagt Geisler. Er und sein Kollege schätzen, dass rund ein Drittel der globalen Landfläche nicht ohne weiteres besiedelbar oder nutzbar ist. Die Konkurrenz um Land und die Landnutzung könnte sich daher erheblich verschärfen. Denn um die Menschen zu ernähren, werden auch künftig große Landflächen für die Landwirtschaft benötigt.

Beste Vorbeugung ist Klimaschutz

Er und sein Kollege appellieren an die Länder, frühzeitig Strategien für die kommende Verlagerung der Bevölkerung weiter landeinwärts zu entwickeln. Tatsächlich haben einige Regionen, darunter der US-Bundesstaate Florida bereits Pläne dazu, wie ein zunehmender Einstrom von Menschen ins Inland künftig aufgefangen werden kann. 

Noch allerdings könnte das Extremszenario abgewendet werden - durch entschiedenen Klimaschutz. "Wir stehen unter Druck, die Treibhausgas-Emissionen auf heutigen Niveau zu halten", sagt Geisler. "Das ist die beste Versicherung gegen den Klimawandel, den Meeresspiegelanstieg und die katastrophalen Konsequenzen, die den Küsten, aber auch dem Landesinneren in Zukunft drohen könnten." (Land Use Policy, 2017; doi: 10.1016/j.landusepol.2017.03.029)
(Cornell University, 27.06.2017 - NPO) 


Nota. -  Das ist etwas anderes als der Flüchtlingsstrom von 2015. Da ging es ums Asylrecht; um politische Verfolgung und um humanitäre Katastrophen. Da kann man immer noch hoffen, dass uns die irgenwann erspart bleiben. Denn das Asylrecht ist ein Grundrecht, das kann man nicht nach oben begrenzen. Da müsste man sich schon darauf verlassen können, dass die Nachbarn mithelfen.

Hier ist aber die Rede von einer historischen Migration. Das ist keine Sache der Grundrechte, sondern des bloßen Menschenverstands, dass wir uns darauf vorbereiten müssen - um die Ströme womöglich so zu lenken, dass die aufnehmenden Länder gar einen Vorteil davon haben. Das ginge von Anfang an nur im Zusammenwirken der europäischen Nachbarn, denn zu uns werden sie drängen. Ob es realistischer Weise eine europäische Obergrenze geben kann (Wo sollten denn die hin, die nicht zu uns dürften?), wird man sehen müssen, aber es ist keine Sache des Rechts, sondern der tatsächlichen Möglichkeiten. Dass die Flüchtlingsströme in Europa je nach aktueller Zumutbarkeit gelenkt werden müssen, liegt auf der Hand - und dass grundsätzlich ein Land das Recht haben muss zu sagen: Im Augenblick geht nicht mehr. Dass es im konkreten Fall Meinungsverschiedenheiten geben wird, auch.

Übrigens: Selbst dass man die, die zuviel sind, an den Grenzen nicht einfach abknallen kann, ist keine Frage des guten oder bösen Herzens, sondern ein Sache des kühlen Verstandes: Dann stünde die Welt in Flammen, und von einer internationalen Friedensordnung dürfte nichtmal mehr geträumt werden.
JE


Sonntag, 25. Juni 2017

Hat ers nicht verstanden oder pfeift er im Wald?



Angela Merkel und der CDU einen "Anschlag auf die Demokratie" vorzuwerfen, weil sie um der "asymmetrischen Demobilisierung" willen eine Debatte um die großen Zukunftsfragen der Nation verweigere, ist Wahlkampfgetöse in unpassend schrillem Ton. Dramatisch ist nur die Lage der SPD, nicht die Deutschlands. Wenn er dagegen vom Durchwursteln spricht, trifft er den entscheidenden Punkt - aber von der falschen Seite. Er hat nicht begriffen, dass Angela Merkels Stärke darin liegt, dass sie Politik nach Hausfrauenart glaubhaft macht in einer historischen Situation, wo alles andere wahnwitzig wäre.

Für die gegenwärtige volatile Weltlage gibt es keinen Vorläufer, an dem man sich orientieren könnte, und das gilt nicht nur für die machtpolitischen Konstellationen, sondern für die Zukunft der kapitalistischen Wirtschaftsordnung selbst. (Zum Thema digitale Revolution hat sich Frau Merkel übrigens früher vernehmen lassen als die SPD und Schulz.) In der unübersichtlichen Gemengelage der Tagesgeschäfte ist Sichtflug das einzig Realistische, und es kommt darauf an, dass man dem, das heißt in diesem Fall: der vertrauen kann, die das Ruder hält. Zugeben wird das kaum einer, aber das ist zweifellos der Grund, warum Angela Merkel auch im kommenden September wiederge- wählt wird.


*

Damit ist eigentlich alles gesagt, was zum SPD-Parteitag zu sagen nötig ist. Zum Überfluss füge ich hinzu: Die deutschen Wähler haben in dem Punkt völlig recht. Nicht nur wissen wir, dass wir uns auf Mutti verlassen können; wir wissen auch, warum: weil sie nämlich in der alles entscheidenden Zukunftsfrage der Nation längst klar und deutlich... nein, nicht gesagt, sondern praktisch vorgeführt hat, wo ihre Vision hingeht: Europa starkmachen in der Welt, und das muss sich Deutschland notfalls etwas kosten lassen, weil es sich das mehr als andere leisten kann. 

Es war das Flüchtlingsthema, Herr Schulz, an dem die ganze Welt erkannt hat, wofür Frau Merkel steht und worauf sie hinauswill. Wenn Sie ein ehrlicher Mann wären, hätten Sie das in Ihrer heutigen Rede sagen müssen, aber dann würden Sie nicht mehr gegen sie kandidieren können. Also beschwören Sie ein Attentat auf die Demokratie herauf. Das ist jämmerlich und verdirbt die Sitten.. 

Dass Sie's nicht verstanden hätten, glaube ich eigentlich nicht. Es bleibt Ihnen nur nichts anderes mehr übrig und Sie pfeifen im Wald. 



Sonntag, 18. Juni 2017

Sie hat es wieder getan.


Marianne charmante

Böse Zungen meinen, an der Rede vom Nationalcharakter sei doch was dran; die Franzosen jedenfalls würfen sich jedem Sieger leidenschaftlich an den Hals und seien nachträglich schon immer für ihn gewesen. Bisher jedenfalls war es so. Es klingt zwar unwahrscheinlich, aber vielleicht lernen auch unsere Nachbarn dazu. An Leidenschaft scheint es diesmal jedenfalls zu fehlen. Eine absolute Mehrheit mit Ach und Krach, bei einer Wahlbeteiligung, die so niedrig war wie noch nie in der Fünften Republik.

Aber Mehrheit ist Mehrheit. Bloß nicht wieder die, die wir immer hatten, haben sie gedacht. Dass er keiner von de- nen sei, glaubt ihm keiner wirklich, doch vielleicht geschieht ja mal ein Wunder.




 

Freitag, 16. Juni 2017

Der Pirat als Mythos.


aus Der Standard, Wien,15. Juni 2017

Wissenschafter untersuchen den Piraten-Mythos
Freibeuter, Widerstandskämpfer, Selfmademen oder doch einfach Verbrecher? Um Piraten ranken sich von jeher zahlreiche Mythen


Wien/Innsbruck – Ausgestorben sind Piraten bekanntlich nicht, aber der Ruf "Auf zum Entern!" war früher häufiger zu hören: Zahlreiche Freibeuter von Königs Gnaden und unabhängige Seeräuber trieben lange Zeit auf den Weltmeeren ihr Unwesen. Auch der Landbevölkerung blieb das nicht verborgen, weshalb zahlreiche Mythen und Erzählungen über die Kaperfahrer entstanden, die mündlich, literarisch und später filmisch weiterverbreitet wurden: Piraten sind bis heute der Populärkultur erhalten geblieben.

Dennoch habe die Kulturwissenschaft bisher einen Bogen um diese Figur gemacht, konstatiert Alexandra Ganser vom Institut für Anglistik und Amerikanistik der Universität Wien: "Die Geschichtswissenschaft hat die Piraterie schon sehr gut aufgearbeitet und ihre sozialen und politischen, aber auch juristischen Aspekte erforscht. In der Kultur- und Literaturwissenschaft gibt es dazu aber noch recht wenig." Die Amerikanistin möchte dazu beitragen, diese Forschungslücke zu füllen, und untersucht derzeit in einem vom Wissenschaftsfonds (FWF) geförderten Elise-Richter-Projekt amerikanische Piratennarrative in Schrift, Bild und Überlieferung in der Zeit von 1678 von 1865.

Ganser verweist auf den politischen Gehalt dieser Erzählungen: "Der Pirat ist eine ambivalente Figur, die ein Held, aber auch ein Monster sein kann. Er wird gerne bemüht, um politische Handlungsmacht zu rechtfertigen oder zu delegitimieren." Somit ist er je nach Perspektive ein Widerstandskämpfer mit berechtigten Motiven oder ein Verbrecher, dem man das Handwerk legen muss.

Die Literaturwissenschafterin stieß etwa in US-Archiven auf zahlreiche Darstellungen aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg, in denen die Konföderierten von gegnerischer Seite als Piraten gezeigt werden, was sich vermutlich auch mit der gegen die US Navy aufgestellten Flotte der Südstaaten erklärt. Die Marine wurde von Thomas Jefferson ursprünglich gegründet, weil die junge Republik ohne den Schutz der britischen Seemacht der zahlreichen Entführungen nicht mehr Herr wurde.
Andererseits sei der Seeräuber Ganser zufolge als "Entrepreneur", der der Armut entflieht und sein Wüten zum erfolgreichen Gewerbe macht, wiederum eine Figur, die mit dem amerikanischen Selbstbild vom aufstrebenden Geschäftsmann im Land der unbegrenzten Möglichkeiten kompatibel ist. 

Recht und Moral 

Ganser beschränkte sich aber nicht allein auf die USA: In der Karibik sprach sie mit Einheimischen und hörte dort häufig Überlieferungen, in der Piraten immer noch als Volkshelden im Kampf gegen die Sklaverei dargestellt werden. Ohnehin sei ein komparatistischer Zugang bei dieser Thematik angebracht, weshalb die Amerikanistin appelliert, die Figur des Piraten in anderen Sprach- und Kulturräumen in den Blick zu nehmen: "Jede Epoche und Gesellschaft verhandelt über die Figur des Piraten ihre Vorstellungen von Recht und Moral."

Diese Einschätzung teilt auch Eugen Pfister vom Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, der untersucht, welche gesellschaftlichen Vorstellungen sich hinter den Darstellungen von den Männern (und manchmal auch Frauen) mit Augenklappen und Holzbeinen verbergen. "Mir geht es weniger darum zu überprüfen, ob diese Bilder authentisch sind, sondern mich interessiert vielmehr, welche kulturellen Botschaften kommuniziert werden – also was für Werte und Tabus die jeweilige Epoche mit diesen Darstellungen zu erkennen gibt."

Ohnehin gehen Piraten in modernen Darstellungen laut Pfister immer seltener ihrer eigentlichen Tätigkeit – dem Kapern – nach und suchen stattdessen vermehrt nach Schätzen oder bekämpfen magische Wesen. Die neuerdings wieder gestiegene Popularität des Piraten hält Pfister für ein Indiz der wachsenden Skepsis gegenüber dem Staat und der Demokratie: Dementsprechend kommen die staatlichen Instanzen in neueren Piratenfilmen wie Fluch der Karibik oder dem Computerspiel Assassin's Creed IV: Black Flag entsprechend schlecht weg – im Gegensatz zu den antiautoritären Freigeistern, als die Seeräuber heute vermehrt dargestellt werden.

Pfister: "Diese Darstellungen bedienen auch einen stärker werdenden Individualismus, der sich zunehmend in Opposition zu staatlicher und gesellschaftlicher Kontrolle definiert." Der popkulturelle Pirat von heute ist also weniger der bösartige Kriminelle als der fröhliche Abenteurer, der allein auf sich selbst vertraut.

Das ist ein Bild, das sich nicht unbedingt mit der historischen Realität deckt, wie Mario Klarer vom Institut für Amerikastudien der Universität Innsbruck aufzeigt. Er beschäftigt sich nämlich weniger mit den Piraten selbst als vielmehr mit der Perspektive ihrer Opfer: In dem ebenfalls vom FWF geförderten Projekt "Escape" untersucht er die Berichte der im Mittelmeer versklavten Heimkehrer vom 16. bis zum 19. Jahrhundert. "Das ist ein paneuropäisches Phänomen. Wir haben derzeit circa 150 Augenzeugenberichte in allen bedeutenden Sprachen des Kontinents vorliegen, da Menschen überall in Piratenhände gefallen sind."

Den segelnden Banditen war nämlich meistens die menschliche Beute wichtiger als die Fracht. Gefangengenommene Reisende wurden entweder verkauft oder freigepresst – für Piraten ein lukratives Geschäft: So verpflichtete sich der Trinitarierorden vordergründig, christliche Sklaven auszulösen, die protestantischen Reeder in den Hansestädten wiederum unterhielten Vorsorgekassen allein für diese Fälle.

Multikulturelle Besatzung

Neben Flucht und Freikauf gab es in Nordafrika noch eine dritte Möglichkeit, der Gefangenschaft zu entkommen: die Konversion zum Islam. So erklärt sich auch, warum die Piratenschiffe derartig multikulturell besetzt waren. Europäische Konvertiten stiegen aufgrund ihrer Orts- und Nautikkenntnisse schnell in der Schiffshierarchie auf. Diese Renegaten stellen viele Heimkehrer in den Berichten als besonders brutal und mit dem Teufel im Bunde dar.

Klarer betont aber, dass die Piraterie im Mittelmeerraum kein ausschließlich muslimisches Geschäft gewesen sei. Ebenso wie auf den großen Sklavenmärkten in Algier und Tunis wurde auch auf der anderen Seite des Mittelmeers ein reger Menschenhandel betrieben. "Wir wissen von Freikauflisten nordafrikanischer Diplomaten, dass ungefähr genauso viele muslimische Gefangene in Europa gelandet sind."

Dass aber viel weniger Berichte von Muslimen vorlägen, erkläre sich aus einer weniger ausgeprägten Druckkultur im islamischen Raum zu dieser Zeit: Vieles existierte nur als Manuskript und ging mutmaßlich verloren. Durch die zentrale Rolle des Leidens in der christlichen Tradition legten zudem eher Heimkehrer dieser Konfession beredt Zeugnis von ihrem persönlichen Martyrium ab, was die Drucker bereitwillig vervielfältigten: Heimkehrerberichte verkauften sich seinerzeit sehr gut.

Auch die europäische Literatur der Neuzeit ist eine reiche Quelle: Frühe Klassiker wie Robinson Crusoe oder das Werk von Cervantes, selbst Gefangener in Nordafrika, sind unmittelbar mit den Themen Piraterie und Sklaverei verbunden. So konnte Klarer auch einen eigentlich literarischen Text als Heimkehrerbericht decodieren: Recherchen zu der Robinsonade eines gewissen Leonhard Eisenschmied aus Gurk offenbarten, dass es sich bei der Darstellung eines Seeräuberangriffs sehr wahrscheinlich um einen Tatsachenbericht handelt. In diesem Fall hätten die Piraten sogar einen Kärntner erwischt. 


Montag, 12. Juni 2017

Aus Englands dunkler Zeit.

Blick auf die prähistorische Steinallee von West Kennet bei Avebury. Ganz in der Nähe liegen die Reste der beiden hölzernen Kreisanlagen.
aus scinexx                                                                                                      Steinallee von West Kennet bei Avebury

"Feuerkreis" ist 800 Jahre älter als Stonehenge
Doppelter Palisadenkreis von Avebury stammt aus der "dunklen Ära" Englands 

Mysteriöses Monument: Zwei prähistorische Kreisanlagen nahe Avebury in England sind älter als bisher gedacht. Eine neue Radiokarbondatierung enthüllt, dass die beiden hölzernen Bauwerke bereits 5.300 Jahre alt sind – und damit rund 800 Jahre älter als das nahegelegene Stonehenge und die Steinkreise von Avebury. Erhalten sind von den beiden Palisadenkreisen nur verkohlte Reste, denn das Monument wurde von seinen Erbauern offenbar im Rahmen einer Zeremonie abgefackelt.

Der Steinkreis von Stonehenge ist das wahrscheinlich berühmteste prähistorische Bauwerk überhaupt. Doch diese Megalith-Anlage ist kein Solitär: Die gesamte Landschaft rund um Stonehenge ist von Grabhügeln, astronomisch ausgerichteten Gräben und weiteren rituellen Bauten durchsetzt. Im nahegelegen Durrington Walls entdeckten Archäologen neben den bekannten Siedlungsresten eine gigantische Steinreihe – eine Art Superhenge.

Rätselhafte Holzmonumente

Auch das 37 Kilometer von Stonehenge entfernte Avebury besitzt gleich mehrere Steinkreise und gehörte zum prähistorischen Zeremonialkomplex dieser Region. Bereits in den 1960er und -70er Jahren wurden im nahegelegenen West Kennet die Überreste zweier hölzerner Kreisanlagen entdeckt. Sie bestanden aus kreisförmigen Gräben, in die aufrechte Holzpalisaden eingelassen waren. Zusammen bilden die beiden Kreise eine vier Kilometer große Anlage. 


West Kennet, Silbury Hill

Seltsam jedoch: Ausgrabungen in den Kreisgräben förderten nur verkohlte Holzreste zutage. Archäologen vermuten, dass die Palisadenkreise von Avebury nur kurze Zeit bestanden und vielleicht sogar explizit dafür erbaut wurden, um in einer Feuerzeremonie wieder verbrannt zu werden. "Diese Anlage ist völlig anders als alles, was wir sonst aus der Vorgeschichte Großbritanniens kennen", sagt Alex Bayliss von Historic England.

Aus der "dunklen" Ära

Und noch etwas überrascht: Bisher galten die Kreisanlagen von West Kennet als ungefähr so alt wie Stonehenge. Erste Radiokarbondatierungen in den 1980er Jahren datierten die verkohlten Palisadenreste auf ein Alter von rund 4.500 Jahren. Jetzt jedoch haben Archäologen unter Leitung von Alasdair Whittle von der Cardiff University die Überreste mit Hilfe moderner Methoden erneut datiert.
 

Das überraschende Ergebnis: Die West Kennet Enclosures sind rund 5.3000 Jahre alt und entstanden demnach bereits rund 800 Jahre vor Stonehenge. Das Spannende daran: Die Kreisanlagen stammen damit aus einer "dunklen" Ära der britischen Vorgeschichte – einer Zeit, aus der bisher kaum Überreste bekannt sind. "Es gibt jede Menge Funde aus der Zeit 700 Jahre davor und 700 Jahre danach, aber so gut wie nichts aus der Zeit dazwischen", erklärt Bayliss.


Eingangssteine des Long Barrow - dem Hügelgrab von West Kennet

Bedeutend schon Jahrhunderte vor Stonehenge

Die neue Datierung belegt, dass die Region rund um Stonehenge und Avebury schon ein knappes Jahrtausend vor Errichtung der berühmten Steinkreise eine große rituelle Bedeutung für die Bewohner der Region gehabt haben muss. Darauf deutet auch ein Hügelgrab hin, das ganz in der Nähe der beiden neudatierten Palisadenkreise liegt. Das West Kennet Long Barrow wurde rund 400 Jahre vor Stonehenge errichtet.

Die Archäologen entdeckten zudem Reste einer prähistorischen Siedlung direkt neben den Palisadenkreisen, die aus der Zeit um 2500 vor Christus stammt – und damit aus der Zeit von Stonehenge. Der geheimnisvolle Hügel von Silsbury Hill, der nur wenige hundert Meter entfernt liegt, wurde ebenfalls in dieser Periode errichtet - möglicherweise von den Bewohnern dieser Siedlung. (British Archaeology, 2017)

(Livescsience/ British Archeology, 12.06.2017 - NPO)
West Kennet, Avebury