Freitag, 28. Februar 2014

Metahistorie.

aus Badische Zeitung, 26. 2. 2014

„Eine kurze Geschichte der Menschheit“ räumt mit einigen Vorurteilen auf
Yuval Noah Hararis erstaunliches Buch "Eine kurze Geschichte der Menschheit" räumt mit einigen Vorurteilen auf. 

Wenn der 37-jährige Historiker Yuval Noah Harari demnächst auf der Leipziger Buchmesse erscheint, kommt mit ihm nicht nur ein smarter Oxford-Absolvent und Professor der Jerusalemer Hebrew University, sondern auch der Shootingstar unter den israelischen Historikern. Wenn sich eine Universalgeschichte wie seine "Eine kurze Geschichte der Menschheit" mehr als hundert Wochen auf Platz Eins der nationalen Sachbuch-Bestsellerliste hält, ist mehr als eine trockene Aneinanderreihung von Daten und Fakten zu erwarten. Die 526 leicht lesbaren Seiten sind eine hochrasante Tour d’Horizon durch die vergangenen 100 000 Jahre, ein kulturevolutionärer Blick auf die Menschheit aus der Vogelperspektive – oder aus der Perspektive eines Außerirdischen.

Worum es dem Autor geht, sind die Makrostrukturen, genauer gesagt: die drei großen "Revolutionen" in der Entwicklung unserer Spezies: "Die kognitive Revolution brachte vor 70 000 Jahren die Geschichte überhaupt erst in Gang, (...) die landwirtschaftliche Revolution vor rund 12 000 Jahren beschleunigte sie (...) und die wissenschaftliche Revolution, die vor knapp 500 Jahren ihren Anfang nahm, könnte das Ende der Geschichte und der Beginn von etwas ganz Neuem sein." Jeder dieser epochalen Wenden ist eine ausführliche Analyse gewidmet, und auch wenn keineswegs alles neu und spektakulär erscheint, räumt Harari doch mit populären Geschichtsirrtümern auf: etwa dem von der genealogischen Folge unserer Vorväter. Der weise Mensch – Homo sapiens – erscheint als mörderischster Vertreter unserer Gattung, denn aller Wahrscheinlichkeit nach kappte er gewaltsam sämtliche weiteren Äste der Menschheitsfamilie, darunter den berühmten Neandertaler.


Der zweite Geschichtsirrtum: Die neolithische Revolution, der Übergang von der Lebensweise nomadisierender Wildbeuter zur agraischen Sesshaftigkeit, sei ein Erfolgsmodell gewesen. Bei Harari liest sich das so: "In Wirklichkeit waren es diese Pflanzen, die den Homo Sapiens domestizierten, nicht umgekehrt. Weizen kann sich nicht vor anderen Organismen wie Kaninchen und Heuschrecken schützen, die ihn gern fressen, weshalb die Bauern ihn schützen mussten. Weizen ist durstig, also schleppten die armen Sapiens Wasser aus Quellen und Flüssen herbei, um ihn zu bewässern. Und der Weizen ist hungrig, weshalb die Menschen Tierkot sammelten, um den Boden zu düngen, auf dem er wuchs." In letzter Konsequenz sei die Menschheit versklavt worden von der Ackerpflanze, auf Monokulturen beschränkt, an die Scholle gekettet, Missernten und Epidemien schutzlos ausgeliefert, bis hin zur extremen Ungleichverteilung der landwirtschaftlichen Ressourcen. Die Lebensmittelvorräte allerdings "wurden der Treibstoff der Geschichte und der Zivilisation".

Herrschereliten bildeten sich, und da die Sprache (laut Harari entstanden aus Klatsch und Tratsch) zur Bindung von mehr als 150 Personen nicht mehr reichte, hielten nun Mythen und (religiöse) Erzählungen als Bindemittel her. Hararis Kapitel über die Religion – mit einem entschiedenen Votum für den Polytheismus – ist eines der brillantesten des Buches. Ein weiteres effektives Bindemittel größerer Gruppen und komplexer Gesellschaften war die Schrift – auch sie herrlich zwiespältig: "Freie Assoziation und ganzheitliches Denken mussten Bürokratie und Kästchendenken weichen".

Auch wenn es ein Telos der Geschichte bei Harari selbstredend nicht gibt, ein Zug zur Vereinheitlichung ist unübersehbar: politisch als Drang zum Großstaat, rechtlich als Akzeptanz der Menschenrechte und kulturell zum Imperium von Coca Cola. Entscheidender Motor der Geschichte sei aber die Rückkopplung zwischen der modernen Wissenschaft und den Zielgebern Politik, Wirtschaft und Religion. Die Europäer gewannen die Welt durch Neugier, Entdeckungs- und Eroberungsdrang, vor allem aber durch die einmalige Ménage à trois von Kapital, Politik und Wissenschaft.

Das alles mag nicht neu sein, aber so provokant und pointiert formuliert wie selten mündet es in die Frage nach dem Selbstentwurf: "Welchen Menschen wollen wir?" Sind wir überhaupt zur Utopie noch imstande oder längst nur noch willfährige Opfer des Kapitalismus? Das Energieproblem dürfte nach Harari noch das geringste sein, der Machbarkeitswahn und der unstillbare Konsumismus verwandeln unseren "einstmals blauen und grünen Planeten" hingegen schon heute "in eine Mischung aus Einkaufszentrum und städtischer Müllkippe".

Der Mensch von morgen, prognostiziert Harari, dürfte mit der aktuellen Gestalt kaum mehr Ähnlichkeit haben und seinen omnipotenten Götterträumen bedrohlich nahe kommen: Die Zukunft gehört den Cyborgs. Was soll’s: Der Mensch ist für diesen Autor alles andere als die Krone der Schöpfung. Die bisweilen sarkastische Kühle, mit der Harari seinen fernen Blick über die Weltläufte schweifen lässt, macht bei aller Brillanz bisweilen frösteln – trotz seiner Sympathie für die leidende Tierwelt. Zwischen Religion und Ideologie macht er nicht den geringsten Unterschied. Begriffe wie "humanistische Ideologie" für den Nationalsozialismus (der neue Mensch im Zentrum) befremden hochgradig. Trotzdem ist dieses Buch in hohem Maß inspirierend.

Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit. Deutsche Verlagsanstalt, München 2013. 526 Seiten, 24,50 Euro.

Donnerstag, 27. Februar 2014

Macht ohne Verantwortung.

aus NZZ, 27. 2. 2014                                                                                                           Jerzy Sawluk  / pixelio.de

Die Magie der direkten Demokratie
Das Volk als Staatsorgan kann für seine Entscheidungen nicht in die Verantwortung genommen werden.  
Von Andreas Auer


Dass Regierungen gelegentlich das Volk an der Nase herumführen, gehört weltweit leider zum Allgemeinbestand an politischen Gepflogenheiten, die oft in den zynischen Befund münden, dass «die da oben immer machen, was sie wollen». Dass aber das Volk seine eigene Regierung an der Nase herumführen kann und dafür noch Lob erntet, ist eine Errungenschaft der schweizerischen Direktdemokratie. Man höre und staune: Nach dem Nein des Souveräns zum EWR im Dezember 1992 gelang es dem Bundesrat sieben Jahre später, nach langen und komplexen Verhandlungen mit der EU und den Mitgliedstaaten, die bilateralen Abkommen zu unterzeichnen, die vom Volk in mehreren Schüben genehmigt worden sind. Herzstück des ersten Pakets ist das Abkommen über die Personenfreizügigkeit von 1999. Der Bundesrat hat im Abstimmungskampf über die Masseneinwanderungsinitiative beherzt auf die nach seiner Ansicht negativen politischen und wirtschaftlichen Folgen einer Infragestellung der Personenfreizügigkeit mit der EU hingewiesen.

Nun hat eine denkbar knappe Mehrheit der an der Abstimmung vom 9. Februar 2014 teilnehmenden Stimmbürger Ja gesagt zu dieser Volksinitiative und damit das staatsvertraglich gewährleistete Grundrecht der Personenfreizügigkeit durch den Grundsatz der Kontingentierung der Zahl der Bewilligungen für Ausländer ersetzt. Diesen Grundsatz hat nun derselbe Bundesrat nach innen mit einem Gesetzesentwurf und nach aussen mit Erklärungen und wenn möglich Verhandlungen umzusetzen. Eine demokratisch verfügte Kehrtwende also, in zwei Bereichen, die zu den Grundkompetenzen der Exekutive gehören: Einleitung des Gesetzgebungsverfahrens und Führung der Aussenpolitik. Die Behörden müssen den Volksentscheid, den sie im Abstimmungskampf zu verhindern versuchten, nun gegen jegliche Kritik verteidigen. Regierung und Parlament sind in der direkten Demokratie dem Volk direkt verpflichtet.

Auch die Stimmbürger sind von diesem eigenartigen «chilling effect» der Volksabstimmung betroffen. Vor dem Urnengang durften sie das Anliegen der Initianten kritisieren, nach der Abstimmung aber verhallt jegliche inhaltliche Kritik am Resultat ins Leere. Kritik an einer Idee oder Vorlage setzt nämlich voraus, dass jemand dafür verantwortlich ist. Das Volk als Staatsorgan zeichnet sich nun aber vor allem darin aus, dass es für seine Entscheide nicht zur Rechenschaft gezogen werden kann. Denn wer sind sie denn, diese 1 463 954 Stimmbürger, die mit einem Vorsprung von knapp 20 000 Stimmen das Resultat herbeigeführt haben? Niemand weiss es, und niemand darf es wissen. Und selbst wenn man es wüsste, könnten die Ja-Sager weder kollektiv noch individuell zur Rechenschaft gezogen werden.

Das Volk ist eine mathematische Konstruktion, eine der direkten Demokratie innewohnende Fiktion, denn die Summe jener Aktivbürger, die am Stichtag eine Mehrheit bilden, ist keine organische Gesamtheit und kann weder denken noch diskutieren, noch handeln. Die Rolle des Volkes im politischen Entscheidungsprozess ist gewaltig, denn ihm stehen die grundlegendsten Entscheide zu, nach denen sich Behörden und Bürger zu richten haben. Gleichzeitig aber beschränkt sie sich auf ein passives Ja oder Nein zu einer Vorlage, die immer ein anderes Organ - das Parlament oder die Initianten - ausgearbeitet hat. Von allen Staatsorganen ist das Volk das mächtigste, aber auch das abhängigste, denn für sich allein ist es hilf- und machtlos. Weil es zwar sehr konkrete und wichtige Entscheide trifft, aber nicht fassbar, nicht sichtbar, nicht greifbar ist, und sich auch nicht äussern kann, schwingen sich Politiker unverfroren zu seinem Sprachrohr auf.

Das Unvermögen des Volkes, für seine Entscheide Verantwortung zu übernehmen, obwohl Behörden und Bürger zur Erklärung des Abstimmungsresultats nur auf das Volk verweisen können, ist eigenartigerweise die Quelle seiner von keinem anderen Staatsorgan erreichten Legitimität. Direktdemokratische Entscheide werden allgemein als legitim erkannt und anerkannt, gerade weil sie nicht das Resultat einer politischen Mehrheit sind, die bis zu den nächsten Wahlen die Oberhand hat. Volksentscheide können nur akklamiert oder hingenommen werden; Kritik daran prallt ab an dem sie umhüllenden Mantel der Legitimität.

Dieser Legitimität ist es zu verdanken, dass in der Schweiz selbst die entschiedensten Befürworter der Personenfreizügigkeit nicht einmal daran denken, wegen des für sie so negativen Abstimmungsresultats vom 9. Februar 2014 die direkte Demokratie grundsätzlich infrage zu stellen. Nicht so aber jenseits der Grenze, wo diese Form der Demokratie auf nationaler Ebene nicht existiert oder nicht so weit ausgebaut ist. Rechtspopulisten von nah und fern, die sich an Ausländerfeindlichkeit erlaben, begeistern sich plötzlich unverhohlen für Referenden und Volksinitiativen und erhoffen sich davon politische Gewinne auf ihrem bevorzugten Schlachtfeld. Liberale Kreise und Wirtschaftsvertreter hingegen, die dem Volk instinktiv ein gewisses Misstrauen entgegenbringen, finden im Schweizer Nein zur Personenfreizügigkeit ein willkommenes Argument, um sich einer «blauäugigen» Übernahme direktdemokratischer Institutionen mit Nachdruck zu widersetzen.

Die Häufigkeit von Volksabstimmungen in der Schweiz und die unvergleichbare Vielfalt ihrer Gegenstände bringen es mit sich, dass diejenigen Stimmbürger, die mit einer gewissen Regelmässigkeit daran teilnehmen - das sind nach neuesten Erhebungen mehr als 70 Prozent der Bürger -, gewohnt sind, sich einmal in der Lage der Verlierer und ein anderes Mal in der Rolle der Sieger zu finden. Sie unterliegen daher nicht der Versuchung, die direkte Demokratie aufgrund einzelner Resultate pauschal in den Himmel zu heben oder zu verdammen. Ihr Reiz, ihr Wert, ihre Einzigartigkeit liegen keineswegs in der besseren Qualität der getroffenen Entscheide, sondern ergeben sich aus der stets nur relativen Voraussehbarkeit des Resultats der Volksabstimmungen. Aufgrund der Unsicherheiten müssen sich Mehrheiten und Minderheiten verständigen, und darin liegt der Ursprung der vielbeschworenen Konsensdemokratie.

Letztlich ist die Frage, wem die Schweiz und ihre Vertragspartner den denkwürdigen Entscheid vom 9. Februar 2014 zu verdanken haben bzw. wer dafür einzustehen hat, ebenso müssig wie die fast schon verzweifelte Ergründung der Motive, die den Ausschlag gegeben haben mögen. Aus der umstrittenen SVP-Initiative ist eine unanfechtbare Verfassungsbestimmung geworden, die nun von den zuständigen Behörden - und nicht von den Initianten - ausgelegt und umgesetzt werden muss. Nach der gelassenen Überraschung der Sieger und dem betretenen Schweigen der Verlierer werden im nun anlaufenden Ringen um die konkrete Umsetzung der Verfassungsbestimmung umso harschere Töne angeschlagen. Vielleicht muss der Verfassungsgeber noch einmal über die Bücher, was politisch viel Staub aufwirbeln würde, rechtlich aber durchaus im Bereich des Möglichen liegt.
Denn die Magie der direkten Demokratie überlässt den Entscheid über die Gültigkeit eines Volksentscheids dem Volk selbst.

Andreas Auer ist em. Professor für Öffentliches Recht an der Universität Zürich und Konsulent Umbricht Rechtsanwälte.


Nota.

Die Verantwortlichtkeit der gewählten Verfassungsorgane beschränkt sich freilich darauf, beim nächsten Mal eventuell nicht wiedergewählt zu werde. Die Stimmbürger jedoch müssen alles, was das Volk entscheidet, selber ausbaden. Nicht jeder im selben Maße, und wer dagegen gestimmt hat, eventuell mehr als wer dafür war, wer kann das wissen? Aber so ist es mit der Volkssouveränität immer. Wer heute kreuzige! schreit, hat gestern vielleicht Hosianna gerufen, und war jedesmal bei der Mehrheit.
JE  

Mittwoch, 26. Februar 2014

Der neue Sarrazin ist da!

aus Die Presse, Wien, 26. 2. 2014                                                       Gott sei Dank, ich bin nicht so.

Sarrazin schreibt über „Tugendterror“ – und hat oft recht
In „Deutschland schafft sich ab“ kritisierte Thilo Sarrazin die Intelligenzsenkung im Land durch Zuwanderung, „Der neue Tugendterror“ widmet sich dem „Gleichheitswahn“.


Wenn es um Thilo Sarrazin geht, wird es in der Regel skurril. Aber nicht, weil das ehemalige Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank „krause“, angeblich „rassistische“ und „extrem rechte“ Thesen verbreitet, sondern weil er im Großen und Ganzen vernünftige, intelligente und bedenkenswerte Sachen sagt und trotzdem meist so dargestellt wird, als wäre er der Leibhaftige.

Das begann 2010, als Sarrazin sagte, der gesamtdeutsche Intelligenzdurchschnitt sinke durch die Zuwanderung schlecht ausgebildeter Migranten. Im selben Jahr schrieb er im Buch „Deutschland schafft sich ab“ neben vielem anderem, das ökonomische Potenzial Deutschlands sinke durch die Zuwanderung, weil durchschnittlich Eltern mit geringerem sozioökonomischem Status, geringerem Bildungsgrad und geringerer Intelligenz mehr Kinder bekämen. Sarrazin war und ist weit davon entfernt, Intelligenz oder andere Eigenschaften als unveränderbare genetische Gegebenheiten zu sehen, weder von Einzelnen noch von „Völkern“; trotzdem wird er meist als Persona non grata behandelt, die nur deswegen nicht „totgeschwiegen“ wird, weil sie sich für Schlagzeilen eignet.

Allerdings verblassen diese allmählich. Als „steile These“ in Sarrazins soeben erschienenem Buch, „Der neue Tugendterror – Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland“, wussten etwa das Magazin „Focus“ und „Die Welt“ nur von Sarrazins Behauptung zu berichten, dass Männer gleichzeitig klüger und dümmer seien als Frauen – sprich, die Intelligenz der Männer sei breiter gestreut, es gebe mehr Männer mit sehr hohem und sehr niedrigem IQ.

Zu „steil“ für einen Harvard-Rektor

Für Menschen wie den deutschen Intelligenzforscher Detlef Rost ist das eine Selbstverständlichkeit, viele Wissenschaftler kommen seit Jahrzehnten zu diesem Schluss. Dennoch verlor Larry Summers 2005 sein Amt als Harvard-Rektor, weil er meinte, dass die männliche Dominanz im naturwissenschaftlichen Spitzenbereich auch damit zu tun haben könnte. Offenbar gelten die „beobachtbare Wirklichkeit und ihre widerborstigen Zusammenhänge“, zu deren Anwalt sich Sarrazin im Buch erklärt, nichts, wenn sie gegen gewisse Denkschranken verstoßen (oder zu verstoßen scheinen).

Einer speziellen Art von Denkschranken widmet sich Sarrazins Buch: den durch „ein marodierendes Gleichheitsbedürfnis“ entstandenen. Die Idee, dass „ungleich“ gleich „ungerecht“ sei und jede Feststellung von Ungleichheit Diskriminierung, bewirke „eine Moralisierung von Fragestellungen und eine Beschränkung von zulässigen Antworten“.

Sarrazin deutet die Entstehung von Meinungszwang und speziell dieses „Tugendterrors“ holprig historisch (Christentum, Französische Revolution, Sowjetkommunismus) und nachvollziehbar psychologisch. So meint er unter Berufung auf Freuds Tabu-Theorie, dass die von ihm angesprochenen Tabus von „verdrängten feindseligen Gefühlen“ herrühren könnten, oder beschreibt gemäß Elisabeth Noelle-Neumanns „Schweigespirale“-Theorie die Entstehung von Meinungszwang als Folge der Isolationsfurcht Einzelner. Und er führt Zeugen an wie Machiavelli und Alexis von Tocqueville. „Die Mehrheit umspannt in Amerika das Denken mit einem erschreckenden Ring“, schilderte dieser. Man ersetze „Mehrheit“ durch „Mehrheit der Medien“, schreibt Sarrazin, und man habe ein Bild des zeitgenössischen Deutschland.

„Der neue Tugendterror“ bringt all diese gar nicht neuen Befunde klar, unaufgeregt und etwas pedantisch. Es ist anregende Populärliteratur, nur wenn Sarrazin recht witzig die „14 Axiome des Tugendwahns im Deutschland der Gegenwart“ formuliert, blitzt der Polemiker durch. Zu diesen „Axiomen“ gehören etwa: „Ungleichheit ist schlecht“, „Die menschlichen Fähigkeiten hängen fast ausschließlich von Bildung und Erziehung ab“, „Wer reich ist, sollte sich schuldig fühlen“, „Der Islam ist eine Kultur des Friedens“ oder „Das klassische Familienbild hat sich überlebt“. Sarrazin hat nichts gegen ein Adoptionsrecht für Homosexuelle, doch eine dauerhafte Gemeinschaft von Mutter und Vater biete Kindern die besten Bedingungen, daher seien solche Gemeinschaften gesellschaftlich zu fördern. Da kann man oft durchaus über vorschnelle Schlüsse und mangelnde Belege diskutieren. Die sind allerdings bei derlei nicht streng wissenschaftlichen Publikationen gang und gäbe, werden aber gern ignoriert, solange sie die vorherrschende Meinung stützen.

Der Berliner Regionalableger RBB der ARD sagte ein Interview mit Sarrazin kurzfristig wieder ab. Auch aus der gestrigen „Maischberger“-Talkshow wurde er wieder ausgeladen, das Thema „Sind alle Menschen gleich?“ ausgewechselt. Zufall angeblich.

Thilo Sarrazin, Der neue Tugendterror, DVA, 23,70 Euro.

Montag, 24. Februar 2014

Edathys Erklärung.

Oberstaatsanwalt Jörg Fröhlich

Es könnte sein, dass es andere Medien nicht so eilig haben, Hrn. Edathys Stellungnahme an die Öffentlichkeit zu bringen, wie die Verlautbarungen des Staatsanwalts und die darum rankenden Mutmaßungen. Daher hier die Meldung der Tagesschau:

aus tagesschau.de
Erklärung von Edathys Anwalt im Wortlaut

Knapp zwei Wochen nach Bekanntwerden der Vorwürfe gegen Sebastian Edathy erstattet der ehemalige SPD-Abgeordnete am 24. Februar Strafanzeige gegen die mit dem Fall betraute Staatsanwaltschaft Hannover. Die Presserklärung seines Anwalts Noll im Wortlaut:

"Die Ermittlungsbehörden haben bei ihrem Umgang mit Sebastian Edathy jedes Maß verloren. Zu der Missachtung der Unschuldsvermutung und der Benennung von Details aus seiner Privatsphäre kommt nunmehr die Verletzung von Dienstgeheimnissen hinzu.

Herr Edathy muss davon ausgehen, dass die Ermittlungsbehörden die vollständige Ermittlungsakte der 'Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung' zugänglich gemacht haben. Hierbei handelt es sich um eine Straftat. Ermittlungsbeamte, die selbst Straftaten begehen, sind ersichtlich ungeeignet, ein Strafverfahren zu führen. Herr Edathy hat daher am heutigen Tag ein weiteres Mal Strafanzeige gegen die Ermittlungsbehörden gestellt.

Da die Befangenheit der Staatsanwaltschaft Hannover nunmehr unbestreitbar ist, hat Herr Edathy heute erneut die niedersächsische Justizministerin ersucht, die Staatsanwaltschaft Hannover sowie die vorgesetzte Generalstaatsanwaltschaft Celle von der Zuständigkeit für das Verfahren zu entbinden. Es gibt keine rechtlichen Grauzonen. Es gibt legal und nicht-legal. Das Bundeskriminalamt, die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main sowie die Staatsanwaltschaft Hannover selbst haben das Verhalten von Herrn Edathy als nicht strafbar eingestuft. Der Vorgang hätte daher bereits Anfang November geschlossen werden müssen.

Stattdessen hat die Staatsanwaltschaft öffentlichkeitswirksam Durchsuchungen vorgenommen, in der bloßen Hoffnung, dabei etwas zu finden. Gegen die Durchsuchungsbeschlüsse wurde daher Beschwerde eingelegt. Vor dem Hintergrund der von drei Behörden festgestellten Straflosigkeit stellt es einen ungeheuerlichen Vorgang dar, dass die Ermittler versuchen, ihr nicht zu rechtfertigendes Handeln nunmehr mittels der Begehung einer Straftat zu beschönigen."

Stand: 24.02.2014 16:55 Uhr

Sonntag, 23. Februar 2014

Macchiavelli.

aus NZZ, 22, 2, 2014

Macchiavelli für die, die zu lesen verstehen

Heinrich Meier setzt seine Arbeit an der «Politischen Philosophie» fort.

von Uwe Justus Wenzel 

Der deutsch-amerikanische Philosoph Leo Strauss hat vor über einem halben Jahrhundert eine Machiavelli-Deutung vorgelegt, die in dem neuen Buch von Heinrich Meier, «Politische Philosophie und die Herausforderung der Offenbarungsreligion», eine zentrale Rolle spielt. 

Es gibt «Machiavelli für Zeitgenossen», «Machiavelli für Manager», «Machiavelli für Mütter» und auch «Machiavelli für Frauen», nur einen «Machiavelli für Philosophen» sucht man auf dem Buchmarkt vergebens. In gewisser Weise hat Heinrich Meier nun Abhilfe geschaffen - mit einem Buch, das sich zwar nicht eigentlich zur Sparte der Ratgeberliteratur rechnen lässt und das den Namen Machiavellis gar nicht im Titel nennt, in dessen Zentrum aber eine Deutung steht, die den 1469 geborenen Florentiner Diplomaten, Politiker, Machttechniker, Historiker und Dichter als den Philosophen ernst nimmt, der er - auch - war. Es ist dies die Deutung, die Leo Strauss in seinen 1958 erschienenen «Thoughts on Machiavelli» gegeben hat. Sie ist ausgesprochen vielschichtig, und der Interpret des Machiavelli-Interpreten (der auch die deutsche Ausgabe der Schriften von Leo Strauss verantwortet) bemüht sich erfolgreich darum, jene Vielschichtigkeit nicht zu unterbieten.

Die Adressaten

Kunstfertigkeit und Kennerschaft sind bei der hermeneutischen Arbeit umso mehr gefragt, als die Philosophen früherer Zeiten sich mitunter maskieren mussten, wollten sie der Zensur und drohender Verfolgung entgehen. (Heute wäre mit Blick auf andere Weltgegenden Ähnliches zu konstatieren.) Ihre Texte, heisst dies, weisen verschiedene «Oberflächen» und verschiedene «Tiefen» auf, sie haben exoterische und esoterische Seiten. Niccolò Machiavellis «Il Principe», in dem die Staatsräson gefeiert zu werden scheint, und seine «Discorsi», die demgegenüber eine Republik ohne Fürst entwerfen, machen da keine Ausnahme (beide sind freilich erst postum gedruckt worden).

So jedenfalls sah es Leo Strauss, und so sieht es Heinrich Meier. Allerdings wird die Furcht vor Repressalien in der Philosophiegeschichte nicht das einzige Motiv gewesen sein, Texte zu verrätseln. Schliesslich kultivierte auch Leo Strauss, der von 1938 bis zu seinem Tode, 1973, in New York und dann in Chicago wirkte, das Rollenspiel des «sorgfältigen Schreibens», wie Heinrich Meier bei seinem Versuch, «die Intention» der «Thoughts on Machiavelli» herauszupräparieren, mehr als einmal anzudeuten Gelegenheit hat. Ob hier der Elitismus ins Spiel kommt, der Leo Strauss und seiner Denkschule nachgesagt wird, ist eine Frage, die man links oder rechts liegenlassen kann. Stattdessen lässt sich fragen, an wen sich die jeweilige Schrift adressiert. Im Falle von Machiavellis Abhandlung über den Fürsten beantwortet Strauss selbst sie, wie Heinrich Meier vorführt, doppelt. Der Autor des «Principe» spreche einerseits und offenkundig als «potenzieller Ratgeber eines Fürsten», andererseits und ein wenig camoufliert als «Lehrer der politischen Weisheit». In der Rolle des Weisheitslehrers richte er sich an die «vorzüglichen Adressaten», an «zukünftige Philosophen», die Strauss auch «the young» nennt.

Im Einzelnen und des Näheren ist alles noch sehr viel komplizierter - und so, wie Heinrich Meier es darstellt, nur nachvollziehbar, wenn der Leser parallel Strauss und Machiavelli studiert (oder bereits intus hat). Nähme man das Buch gleichwohl als einen «Machiavelli für - werdende - Philosophen», was wäre es dann, das angehende Weisheitsliebende zu lernen hätten? Welche Ratschläge erteilt der Strauss-Meiersche «Machiavelli» (der mit dem gleichnamigen Autor des «Principe» nicht ganz identisch ist) seinen «vorzüglichen» Lesern?

Sie sind allesamt im Titel des Buches mehr oder weniger vorweggenommen: «Politische Philosophie und die Herausforderung der Offenbarungsreligion». Soll - in die Ratgebersprache übersetzt - heissen: Philosophen, begreift die Offenbarungsreligion samt zugehöriger Theologie als Konkurrentin und Widersacherin, wenn es um die Frage nach dem richtigen Leben und nach der Wahrheit geht! Paktiert, wo nötig, mit der Politik, um gegen Priesterherrschaft zu kämpfen! Sichert die «libertas philosophandi» und die Philosophie als Lebensweise nicht nur politisch, sondern übt euch auch in geistiger Verteidigung! Rückhaltloses Fragen ist besser als rückhaltloser Glaubensgehorsam! Die (christliche) Tugend der Demut ist die denkbar schlechteste Begleiterin eines Philosophen, lasst Grossgesinntheit («Megalopsychia») walten! Findet euer Glück im Denken, Verstehen und Erkennen! Und pflegt die Kunst des sorgfältigen Schreibens, damit die, die zu lesen verstehen, zu euch stossen können!

Ein programmatischer Entwurf

Der Studie zu Leo Strauss' «Thoughts on Machiavelli» lässt Heinrich Meier eine folgen, die Jean-Jacques Rousseau - aufmerksamer Machiavelli-Leser auch er - und seinem «Du contrat social» gewidmet ist. Meier sieht Rousseau mit Machiavelli «in einer gemeinsamen Front gegen die Theokratie» stehen. Seine Interpretation des «Gesellschaftsvertrags» (sie lässt sich als Supplément zu des Interpreten weit ausgreifenden Reflexionen über Rousseaus «Rêveries» lesen) ist ebenso luzide wie konzise und weniger voraussetzungsvoll als das Strauss-Machiavelli-Stück. Beide Kapitel sollen, so Meier, einen programmatischen Entwurf aus dem Jahr 2000 «substanziieren», der in dem vorliegenden Buch zum Auftakt nochmals abgedruckt ist: «Warum Politische Philosophie?» 

Mit historischer Substanz wird der Entwurf durch das, was ihm folgt, zweifellos gefüllt. Für seine systematische Ausführung scheint die Zeit noch nicht reif gewesen zu sein. - Bei der erneuten Lektüre der Münchner Antrittsvorlesung Heinrich Meiers, um deren Text es sich handelt, ist der für versteckte Andeutungen empfänglich gewordene Leser zu glauben versucht, es bedeute etwas, dass die Ausführungen mit «Wir alle» anheben und mit «wenige» enden. Das aber ist gewiss ein Hirngespinst.

Heinrich Meier: Politische Philosophie und die Herausforderung der Offenbarungsreligion. C. H. Beck, München 2013. 238 S., Fr. 47.90.

Samstag, 22. Februar 2014

Zerrissene Ukraine.

aus NZZ, 22. 2. 2014

Ein zerrissenes Land  
Ohne einen Interessenausgleich zwischen den Regionen droht der Zerfall der Ukraine

von Cyrill Stieger

Die Ukraine ist ein heterogenes Staatsgebilde. Es besteht aus Regionen mit völlig unterschiedlichen historischen und kulturellen Traditionen. Die Einbindung des jeweils andern Landesteils ist eine der wichtigsten Aufgaben jeder künftigen Regierung. 

In einigen Städten im Westen der Ukraine scheint die Staatsführung die Kontrolle über die lokale Verwaltung und über Teile des Sicherheitsapparats verloren zu haben. Die Partei der Regionen, das Machtinstrument des in der Ostukraine verwurzelten Präsidenten Wiktor Janukowitsch, zeigt in den westlichen Landesteilen Auflösungserscheinungen. Sie war dort allerdings schon immer auf grosse Ablehnung gestossen. Zentrum des Widerstands ist die Stadt Lwiw (Lemberg), wo der Gouverneur vertrieben wurde. Ein aus Abgeordneten des lokalen Parlaments und aus Oppositionellen gebildeter sogenannter Volksrat erklärte, er habe die Macht übernommen.

Zwischen West und Ost


Kaum jemand in Lwiw will jedoch den Westteil vom Rest des Landes loslösen. Was die Regierungsgegner fordern, ist eine andere, demokratische Ukraine. Sollte sich das Chaos jedoch weiter ausbreiten und das Land in einen Bürgerkrieg abgleiten, wäre der Fortbestand des ukrainischen Staates gefährdet. Er ist ein künstliches Gebilde, das sich aus Regionen mit unterschiedlichen politischen, historischen und kulturellen Traditionen zusammensetzt.


Im Westen des Landes ist die ukrainische Identität, anders als im mehrheitlich russischsprachigen Osten, tief verwurzelt. Das gilt vor allem für Galizien, aber auch für die nördliche Bukowina und die Karpaten-Ukraine mit ihrer ungarischen Minderheit, die in der Zwischenkriegszeit zur Tschechoslowakei gehörte. Alle diese Regionen sind mitteleuropäisch geprägt. Galizien wurde nach der ersten Teilung Polens 1772 der Habsburger-Monarchie zugeschlagen. Drei Jahre später kam die nördliche Bukowina hinzu. Zuvor hatten alle von Ukrainern bewohnten Gebiete während dreier Jahrhunderte unter der Herrschaft von Polen-Litauen gestanden. Sie waren damit ein Teil Mitteleuropas und - zumindest die westlichen Regionen - offen für Einflüsse aus dem Westen des Kontinents.




Mit der Teilung Polens wurde auch die Ukraine gespalten. Nach dem Zerfall des Habsburgerreichs im Ersten Weltkrieg geriet auch der Westen der heutigen Ukraine unter sowjetische Herrschaft - mit Ausnahme der Karpaten-Ukraine und Galiziens, das in der Zwischenkriegszeit bis 1939 zur Republik Polen gehörte. Die galizischen Ukrainer spielten bei der ukrainischen Nationsbildung im 19. und im 20. Jahrhundert eine entscheidende Rolle. Die 1917/1918 gebildete Ukrainische Volksrepublik konnte sich allerdings nur wenige Jahre behaupten. Im Zweiten Weltkrieg und auch in den Jahren danach war in Galizien der Widerstand gegen das sowjetische Regime besonders gross. Bis zur Unabhängigkeit der Ukraine 1991 gab es, mit Ausnahme der kurzen Periode am Ende des Ersten Weltkriegs, kein durch Grenzen definiertes ukrainisches Staatsterritorium.


Regional definierte Identität


Anders verlief die Entwicklung in den östlichen und südlichen Teilen der Ukraine. Spätestens seit dem 18. Jahrhundert gehörten sie alle zum russischen Zarenreich - und nach der Oktoberrevolution zur Sowjetunion. Im Osten und Süden dominiert noch heute, im Gegensatz zum Westen, die russische Sprache. Hier leben viele ethnische Russen oder russischsprachige Ukrainer. Zur Zeit der ukrainischen Nationsbildung im 19. Jahrhundert befand sich der grössere Teil der heutigen Ukraine unter der Herrschaft Russlands. Träger der Modernisierung waren hier die in die Städte und Industriegebiete des Ostens eingewanderten Russen. Das Zarenreich anerkannte die Ukrainer nicht als eine eigene Nation. Sie wurden offiziell als Kleinrussen bezeichnet.


Noch heute betrachten viele Russen die Ukraine als Teil der russischen Nation und als Wiege der eigenen Kultur. Die ukrainische Sprache ist für sie ein russischer Dialekt. Die Ukraine war für Moskau zweifellos der schmerzlichste Verlust beim Auseinanderbrechen des Sowjetimperiums 1991.


Der Osten war länger unter sowjetischer Herrschaft als der Westen, und die Mentalität ist stärker sowjetisch geprägt. Zwar betrachten manche russischsprachige Ukrainer Russland noch immer als ihre emotionale Heimat. Das heisst aber noch lange nicht, dass sie sich auch politisch zu Moskau hingezogen fühlen oder sich gar Russland anschliessen wollen. Hinzu kommt, dass die Identität im Osten heute oft regional und nicht national oder ethnisch definiert wird. Der ukrainische Staat hat sich in seinen bestehenden Grenzen konsolidiert. Das war nach dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion keineswegs selbstverständlich. Kein ukrainischer Politiker stellt heute die 1991 proklamierte Unabhängigkeit des Landes infrage, auch jene nicht, die sich nach Russland orientieren.


Der Sonderfall Krim


Was die ukrainische Nation spaltet, ist nicht nur die Frage der Ausrichtung nach Westen oder nach Russland, sondern vor allem auch die unvereinbare Erinnerungskultur. Das betrifft etwa den Zweiten Weltkrieg, der im Osten und im Westen des Landes völlig unterschiedlich interpretiert wird. Das gilt auch für die Deutung der Zeit der Zarenherrschaft oder des gescheiterten ukrainischen Nationalstaates nach dem Ersten Weltkrieg. Im Westen der Ukraine wird, anders als im Osten und ähnlich wie in den ostmitteleuropäischen Staaten, das russische und das sowjetische Erbe generell als Bedrohung empfunden, vor welcher die Westintegration Schutz bietet. Historische Figuren sind für die einen Helden, für die andern jedoch Verräter.


Eine Sonderstellung innerhalb der Ukraine nimmt die stark russisch geprägte Halbinsel Krim ein. Sie hat den Status einer autonomen Republik und ist die einzige Region in der Ukraine, in der die ethnischen Russen mit einem Anteil von rund 60 Prozent an der Gesamtbevölkerung die Mehrheit bilden. Die Halbinsel kam 1783 unter die Herrschaft Moskaus. Im Jahr 1954 hat der damalige sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschew, ein Ukrainer, die Krim in einem administrativen Willkürakt der Ukrainischen Sowjetrepublik zugeschlagen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion sprach sich im Dezember 1991 in einem Referendum auch eine Mehrheit der Bevölkerung der Krim für die Unabhängigkeit der Ukraine aus.


Eine Hinterlassenschaft aus sowjetischer Zeit ist die in Sewastopol stationierte russische Schwarzmeerflotte. Janukowitsch hat schon kurz nach seinem Amtsantritt 2010 im ukrainischen Parlament unter grossem Widerstand der Opposition die Verlängerung der Vereinbarung über die Präsenz der Flotte durchgesetzt. Der Vertrag gilt nun bis zum Jahre 2042. So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass Janukowitsch im jüngsten Machtkampf nicht nur aus dem weitgehend russischsprachigen Osten, sondern auch von der Krim Rückendeckung erhielt. Russische Organisationen auf der Halbinsel haben sogar einen neuen Volksentscheid über die Zukunft der autonomen Republik gefordert und Moskau gebeten, als Garant für die Einhaltung der Rechte und Freiheiten der Bürger der Krim aufzutreten. Abgeordnete des lokalen Parlaments schlugen gar vor, die in ihren Augen von Kiew vernachlässigte Halbinsel wieder Russland anzugliedern.


Das grosse Land am südöstlichen Rande des Kontinents steht also seit Jahrhunderten im Spannungsfeld zwischen dem lateinisch-abendländisch geprägten Ostmitteleuropa und dem byzantinisch-orthodoxen östlichen Kulturraum. Die Ukraine ist zweigeteilt. Der westliche Landesteil will die Integration in die Europäische Union, der Osten blickt stärker nach Russland. Noch immer durchziehen tiefe politische Gräben das Land. Das zeigen auch die Präsidentenwahlen von 2010 (vergleiche Karte). Die Hochburgen von Janukowitsch und seiner Partei der Regionen liegen im Osten und im Süden, während der Westen die Opposition unterstützt. Allerdings sind die Übergänge fliessend, und in der Westukraine gibt es Bezirke, in denen Janukowitsch mehr Stimmen erhielt als seine damalige Konkurrentin Julia Timoschenko.


Suche nach Gleichgewicht


Die historisch bedingten Gegensätze sind auch eine Chance, denn sie zwingen die politischen Eliten zu einem Interessenausgleich. Noch überwiegt in allen Landesteilen der Wille zur Einheit. Wird die Dominanz des Ostens oder des Westens jedoch zu stark, könnte der Zusammenhalt bröckeln. Seit der «orangen Revolution» von 2004 verschärfen sich die Gegensätze. Bisher haben alle Machthaber in Kiew vor allem ein Ziel verfolgt: ihre Günstlinge in Machtpositionen zu hieven. Wer immer künftig regieren wird, eine der wichtigsten Aufgaben besteht darin, die Gräben zuzuschütten und die jeweils andere Seite in den politischen Prozess einzubinden.


Mittwoch, 19. Februar 2014

Bildersturm.


Der Fall Edathy stellt die deutsche Museumslandschaft vor ganz neue Herausforderungen.

Niobide (Ilioneus), Glyptothek, München
Kann bleiben.


Idolino di Pesaro, Museo Nazionale, Florenz
Gehört ins Depot.
 

Caravaggio, Amor vincit omnia, Gemäldegalerie, Berlin
Sollte vorsichtshalber verbrannt werden.

Vor sechshundert Jahren begann das Konstanzer Konzil.

aus NZZ, 19. 2. 20. 2. 2014                                                                                     aus der Konzilschronik

Das «Thurgauer Konzil» und die Papst-Mitra
Vor 600 Jahren begann in Konstanz der grösste Kongress des Mittelalters - mit starken Bezügen zur heutigen Schweiz
 


von Jörg Krummenacher, Kreuzlingen

Von 1414 bis 1418 fand der grösste Kongress des Mittelalters statt: das Konstanzer Konzil. Die Schweizer Orte am Bodensee waren intensiv beteiligt. Jetzt feiern sie grenzüberschreitend auch beim Jubiläum mit - und steuern die Papst-Mitra bei.

Vier Jahre dauerte das Konzil, und bis 2018 soll nun auf vielfältige Weise der damaligen Ereignisse gedacht werden. Im Zentrum steht und stand die deutsche Stadt Konstanz am westlichen Ausfluss des Bodensees, die mit dem Schweizer Ort Kreuzlingen zusammengewachsen ist. Der Thurgau bildete während Jahrhunderten das natürliche Hinterland der Bischofsstadt Konstanz. König Sigismund, Sohn von Karl IV., hatte das Konzil nach Konstanz einberufen, um die Kirchenspaltung zu beenden. Es gab zu jener Zeit drei sich konkurrenzierende Päpste: Johannes XXIII., der amtierende Papst aus Pisa, Benedikt XIII. aus Avignon und Gregor XII. aus Rom. In Konstanz trafen sich die Mächtigen, um zu beraten und zu entscheiden. Schliesslich traten die bisherigen drei Päpste zurück oder flohen, wie im Falle von Johannes XXIII., über heutiges schweizerisches Gebiet. Ein neuer Papst, Martin V., wurde gewählt - die einzige Papstwahl der Geschichte nördlich der Alpen.

Papstwahl im «Kaufhaus»

Während der Konzilsjahre war Konstanz mit seinen 6000 Einwohnern das Zentrum Europas. Die Stadt beherbergte 72 000 Gäste. Um sie zu versorgen, sollen 73 Geldwechsler, 230 Bäcker, 70 Wirte, 225 Schneider, 310 Barbiere und 700 Dirnen zugezogen sein. Die Wahl des neuen Papstes fand im oberen Saal des «Kaufhauses» statt, eines imposanten Marktgebäudes direkt am See. Es existiert bis heute als Restaurant und Tagungsstätte.

«Ohne den Thurgau kein Konzil», sagt Dominik Gügel, Direktor des Napoleonmuseums Arenenberg und mitverantwortlich für die Thurgauer Jubiläumsaktivitäten. Denn die Kulturlandschaft des Thurgauer Hinterlands versorgte die Konzilsgäste mit Fleisch, Getreide, weiteren Lebensmitteln und den notwendigen Dingen des täglichen Lebens wie Wasser, Brennholz oder Heu. Gügel spricht deshalb lieber vom «Thurgauer Kongress», zumal die hiesigen Dörfer, Landsitze und Klöster einen Grossteil der Konzilsgäste beherbergt hätten. Erst nachdem die Kundschafter des Königs und von Papst Johannes XXIII. durch die Thurgauer Landschaft geritten seien, Unterkünfte und Landwirtschaft inspiziert hätten, habe man sich für Konstanz als Konzilsort entschieden.

Entsprechend umfangreich beteiligt sich der Thurgau in den kommenden Jahren an den Jubiläumsaktivitäten, die sich bis 2018 hinziehen. Die Kantonsregierung hat dazu einen Beitrag von 220 000 Franken aus dem Lotteriefonds gesprochen. Geplant ist etwa der Nachbau eines Konzilgartens, einer Gartenanlage, wie sie im Spätmittelalter auf Landsitzen üblich war. Auf den «Wegen zum Konzil» sollen die historischen Orte mit Bezug zum Konzil präsentiert werden. Und reizvoll dürfte es sein, auf dem Velo die Strecke zwischen Kreuzlingen und Schaffhausen dem Rhein entlang abzufahren - just auf jenen Pfaden, auf denen Papst Johannes XXIII. im Jahr 1415 floh, nachdem er seine Chance auf eine Wiederwahl schwinden gesehen hatte. Er wurde aufgegriffen und in einem Burgturm in Gottlieben inhaftiert. Bei seiner Anreise war es hingegen noch freundlicher zu und her gegangen. Wichtigstes Symbol des Konzils, zumindest aus Thurgauer Sicht, ist nämlich die Papst-Mitra, die Johannes dem Abt des Klosters Kreuzlingen vermachte, wo er mitsamt seinem 400-köpfigen Gefolge übernachten konnte.

Mitra ausgeliehen

Das Recht, eine Bischofsmütze tragen zu dürfen, war als Dank für die Gastfreundschaft gedacht. Die Mitra, die heute zu den Beständen des Historischen Museums Thurgau gehört, ist frisch restauriert worden und gilt als eines der kostbarsten Erinnerungsstücke der Konzilszeit. Im April wird sie an die Baden-Württembergische Landesausstellung ausgeliehen, die sich dem Konzil widmet.


Die Feststimmung zum Konzilsjubiläum soll nicht nur Behörden und Würdenträger erfassen. «Wir spüren ein grosses Interesse der Bevölkerung», freut sich Dominik Gügel. Beispiel dafür ist die Sigismund-Tafel, die am 24. Mai grenzüberschreitend 1000 Bürgerinnen und Bürger an einen 275 Meter langen Tisch bringen soll.

Begegnungen über die Grenze setzen in diesen Tagen, wo die Auseinandersetzung rund um die Einwanderung die Schlagzeilen beherrscht, nicht nur mit Blick auf das Mittelalter einen wohltuenden Kontrapunkt.


Dienstag, 18. Februar 2014

Für Ehrgeiz zu eitel.

 
Napoleons präsentables Motiv: „ich will Allen überlegen sein". Wahres Motiv: „ich will Allen überlegen erscheinen".
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Friedrich Nietzsche, Aus einem Notizbuch, [1880] in: Fragmente, I [13]


 

Montag, 17. Februar 2014

Wessen Arbeit ist produktiv?

aus MEGA

Abschweifung über produktive Arbeit 

von Karl Marx 

Ein Philosoph produziert Ideen, ein Poet Gedichte, ein Pastor Predigten, ein Professor Kompendien usw. Ein Verbrecher produziert Verbrechen. Betrachtet man näher den Zusammenhang dieses letztren Produktionszweigs mit dem Ganzen der Gesellschaft, so wird man von vielen Vorurteilen zurückkommen. Der Verbrecher produziert nicht nur Verbrechen, sondern auch das Kriminalrecht und damit auch den Professor, der Vorlesungen über das Kriminalrecht hält, und zudem das unvermeidliche Kompendium, worin dieser selbe Professor seine Vorträge als »Ware« auf den allgemeinen Markt wirft. Damit tritt Vermehrung des Nationalreichtums ein. Ganz abgesehn von dem Privatgenuß, den, wie uns ein kompetenter Zeuge, Prof. Roscher, [sagt,] das Manuskript des Kompendiums seinem Urheber selbst gewährt. 

Der Verbrecher produziert ferner die ganze Polizei und Kriminaljustiz, Schergen, Richter, Henker, Geschworene usw.; und alle diese verschiednen Gewerbszweige, die ebenso viele Kategorien der gesellschaftlichen Teilung der Arbeit bilden, entwickeln verschiedne Fähigkeiten des menschlichen Geistes, schafffen neue Bedürfnisse und neue Weisen ihrer Befriedigung. Die Tortur allein hat zu den sinnreichsten mechanischen Erfindungen Anlaß gegeben und in der Produktion ihrer Werkzeuge eine Masse ehrsamer Handwerksleute beschäftigt.

Der Verbrecher produziert einen Eindruck, teils moralisch, teils tragisch, je nachdem, und leistet so der Bewegung der moralischen und ästhetischen Gefühle des Publikums einen »Dienst«. Er produziert nicht nur Kompendien über das Kriminalrecht, nicht nur Strafgesetzbücher und damit Strafgesetzgeber, sondern auch Kunst, schöne Literatur, Romane und sogar Tragödien, wie nicht nur Müllners »Schuld« und Schillers »Räuber«, sondern selbst »Ödipus« und »Richard der Dritte« beweisen. Der Verbrecher unterbricht die Monotonie und Alltagssicherheit des bürgerlichen Lebens. Er bewahrt es damit vor Stagnation und ruft jene unruhige Spannung und Beweglichkeit hervor, ohne die selbst der Stachel der Konkurrenz abstumpfen würde. Er gibt so den produktiven Kräften einen Sporn. Während das Verbrechen einen Teil der überzähligen Bevölkerung dem Arbeitsmarkt entzieht und damit die Konkurrenz unter den Arbeitern vermindert, zu einem gewissen Punkt den Fall des Arbeitslohns unter das Minimum verhindert, absorbiert der Kampf gegen das Verbrechen einen andern Teil derselben Bevölkerung. Der Verbrecher tritt so als eine jener natürlichen »Ausgleichungen« ein, die ein richtiges Niveau herstellen und eien ganze Perspektive »nützlicher« Beschäftigungszweige auftun.

Bis ins Detail können die Einwirkungen des Verbrechers auf die Entwicklung der Produktivkraft nachgewiesen werden. Wären Schlösser je zu ihrer jetzigen Vollkommenheit gediehn, wenn es keine Diebe gäbe? Wäre die Fabrikation von Banknoten zu ihrer gegenwärtigen Vollendung gediehn, gäbe es keine ||V-183| Falschmünzer? Hätte das Mikroskop seinen Weg in die gewöhnliche kommerzielle Sphäre gefunden (siehe Babbage) ohne Betrug im Handel? Verdankt die praktische Chemie nicht ebensoviel der Warenfälschung und dem Bestreben, sie aufzudecken, als dem ehrlichen Produktionseifer? Das Verbrechen, durch die stets neuen Mittel des Angriffs auf das Eigentum, ruft stets neue Verteidigungsmittel ins Leben und wirkt damit ganz so produktiv wie strikes auf die Erfindung von Maschinen. Und verläßt man die Sphäre des Privatverbrechens: Ohne nationele Verbrechen, wäre je der Weltmarkt entstanden? Ja, auch nur Nationen? Und ist der Baum der Sünde nicht zugleich der Baum der Erkenntnis seit Adams Zeiten her? Mandeville in seiner »Fable of the Bees« (1705)* hatte schon die Produktivität aller möglichen Berufsweisen usw. bewiesen und überhaupt die Tendenz dieses ganzen Arguments:

»Das, was wir in dieser Welt das Böse nennen, das moralische so gut wie das natürliche, ist das große Prinzip, das uns zu sozialen Geschöpfen macht, die feste Basis, das Leben und die Stütze aller Gewerbe und Beschäftigungen ohne Ausnahme; hier haben wir den wahren Ursprung aller Künste und Wissenschaften zu suchen; und in dem Moment, da das Böse aufhörte, müßte die Gesellschaft verderben, wenn nicht gar gänzlich untergehen.«

Nur war Mandeville natürlich unendlich kühner und ehrlicher als die philisterhaften Apologeten der bürgerlichen Gesellschaft. |V-183||
*) Bernhard de Mandeville, The fable of the bees; or, private vices, publick benefits. 5th ed. London 1728.

Sonntag, 16. Februar 2014

Roboter wie die Ameisen.

aus scinexx

Schwarm-Roboter als Konstrukteure
Von Termiten inspirierte Konstruktions-Roboter können selbst komplexe Bauten errichten

Sie bauen Türme, Pyramiden und Treppen ganz ohne Bauplan oder zentrale Steuerung: US-Forscher haben autonome Miniroboter entwickelt, die nach dem Termitenprinzip selbst komplexe Bauten errichten können. Eine Handvoll einfacher Regeln reichen, um den Schwarm der Roboter selbstständig und robust agieren zu lassen. Solche Schwärme von Konstruktions-Robotern könnten künftig überall dort eingesetzt werden, wo es gefährlich oder unwegsam ist, erklären die Forscher im Fachmagazin "Science". ...

 

Freitag, 14. Februar 2014

Der militärisch-industriell-wissenschaftliche Komplex.

Bombenabwurf auf Hiroshima
aus Die Presse, 13. 2. 2014

Wie der Zweite Weltkrieg die US-Physik prägte

Als Waffen gebraucht wurden, lenkte das Militär mit viel Geld die Forschung um: zur Ingenieurskunst.

Der Krieg hat immer schon die Wissenschaften in seinen Dienst gestellt, vor allem die Physik, er hat sie gefördert und gelenkt und verengt, von Archimedes' (vielleicht nur mythischem) Brennspiegel zum Einäschern feindlicher Flotten über Leonardos Wurfmaschinen bis hin zu den Raketen des Wernher von Braun. Aber so einflussreich wie in den USA im Zweiten Weltkrieg bzw. der Vorbereitung auf ihn war er selten, dort trieb er die ganze Physik weg von den Grundlagen und hin zur Anwendung, Waffen mussten her.

Etwa Radar: Am 17. Oktober 1940 rief Carl Compton, Präsident des Massachusetts Institute of Technology (MIT), von Washington aus in seiner Universität an, man brauche einen kleinen Raum für ein streng geheimes Verteidigungsprojekt. Der Raum fand sich, in ihm wurde das Radiation Laboratory („Rad Lab“) aufgebaut, dort wurde ein britisches Radarsystem weiterentwickelt, zunächst von 20 Physikern, drei Polizisten, zwei Laborgehilfen und einer Sekretärin. Am Ende des Krieges waren es 4000. Überboten wurde das natürlich vom Manhattan Project, in dem, quer durch die USA, 125.000 Menschen die Atombombe entwickelten, sie kostete 1,9 Milliarden Dollar (heute wären das 25 Milliarden), das Rad Lab lag in ähnlicher Größenordnung, insgesamt investierte das US-Militär ein Prozent seiner Ausgaben in die Wissenschaft.

„Shut up and calculate!“

Das war nicht viel für das Militär. Aber für die Physik: 1949 kamen 96 Prozent der Forschungsförderung vom Militär, 1954 98 Prozent – und die gesamte Förderung war 25-mal so hoch wie 1938. Das hatte seinen Preis: „Oh, dammit, engineering isn't physics, is that plain? Take, oh take, your billion dollars, let's be physicists again.“ So beklagte 1948 ein Physiker aus dem Rad Lab den Wandel seiner Zunft, die sich, gelockt und getrieben vom Geld, von den großen Fragen abgewandt hatte – von denen etwa nach dem Ursprung des Universums oder den Feinheiten der Quanten – und mit Pragmatismus begnügte: „Shut up and calculate!“, hieß es im Rad Lab, wenn einer zu tief dachte.

Dabei fiel schon vieles ab, von Supraleitern bis zum Standardmodell, aber noch Mitte der Sechziger schlossen drei Viertel der Physikstudenten der USA in den zwei Gebieten ab, auf die das Militär sich und sein Geld konzentrierte: Nuklear- und Festkörperphysik, Wissenschaftshistoriker David Kaiser (MIT) hat es dokumentiert (Nature 505, S.153).

Er weiß auch, dass in den 1960er-Jahren alles anders wurde und warum – Grund war der Vietnamkrieg und die Reaktion an den Unis darauf –, er hat es in einem Buch erzählt: „How the Hippies Saved Physics“. (jl)

Nota.

Den Vergleich zwischen Roosevelts New Deal und dem deutschen Nationalsozialismus hat schon Leo Trotzki* gezogen - natürlich nicht, was die politische Form angeht, wohl hinsichtlich der historischen Mission: eine aktive Industrie- und Sozialpolitik unter passiver Einbindung der Arbeiterschaft; zwecks Griff nach der Weltmacht. Der von Dwight D. Eisenhower so genannte "militärisch-industrielle Komplex" ist dessen nachhaltige Hinterlassen- schaft.
JE 

*) "Zwei Methoden rivalisieren auf der Weltarena, um den historisch verurteilten Kapitalismus zu retten: Der Faschismus und der New Deal. ... Mit anderen Worten, sie [die Politik des New Deal] führt zu dem gleichen Ergebnis wie die Politik des Faschismus." Marxismus in unserer Zeit

"Vertrauen ist eine soziale Ressource."

W. Bouguereau, Der blinde Homer
aus NZZ, 14. 2. 2014

Vertrauen - eine flüchtige Ressource
Durch die Enträumlichung der Wirtschaft erodieren die kulturellen Voraussetzungen unserer Vertrauensbereitschaft. Eine «Remoralisierung» ökonomischen Verhaltens wird die Entfremdung zwischen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft daher kaum beseitigen können.  

Von Thomas A. Becker

Vertrauen sei ein scheues Reh und immer mehr Menschen kritisierten den Verfall von Anstand und Moral im Wirtschaftsgeschehen, liess Josef Ackermann unlängst verlauten. Derweil buchen die Manager der Deutschen Bank Ethik-Schnellkurse, pauken Moralbegriffe und üben Demutsgebärden ein. Der Soziologe Georg Simmel bezeichnete im Jahre 1908 das Vertrauen als «eine der wichtigsten synthetischen Kräfte innerhalb der Gesellschaft». Diese Kraft müsse jedoch in modernen Gesellschaften einen zunehmend unpersönlichen Charakter annehmen, da die Interaktionen zwischen Menschen immer weniger auf persönlichem Wissen beruhen könnten. Vertrauen erscheint hier als soziale Ressource, mit deren Hilfe koordiniertes Handeln unter Bedingungen weitreichender Anonymität möglich ist. Die Frage ist, wie unter diesen Bedingungen mit den wachsenden Risiken und Kontingenzen menschlicher Zusammenarbeit umgegangen werden kann. Vertrauen ist mithin für die Soziologie ein funktionaler Ersatz für ein Wissen über die Motive anderer Akteure, über die wir immer weniger wissen können.

Generalisierte Zuversicht

In seinem Buch «Konsequenzen der Moderne» (1990) schreibt Anthony Giddens, nicht aus dem Fehlen von Macht, sondern aus dem Fehlen vollständiger Informationen erwachse die Notwendigkeit sozialen Vertrauens. Der Mangel an Information sei der «Entbettung» sozialer Beziehungen aus ihrem lokalen Umfeld geschuldet. Abstrakte Systeme prägten unser Zusammenleben - mittels je spezifischer Zeichensysteme, die unabhängig von den Individuen funktionieren.

Es bleibt uns folglich nichts anderes übrig, als Akteuren, die wir nicht kennen können, eine gewisse Redlichkeit zuzuschreiben. Soziales Vertrauen ist nach klassischer Definition die Überzeugung, dass mir andere schlimmstenfalls nicht wissentlich und vorsätzlich Schaden zufügen und bestenfalls im Sinne meiner Interessen handeln. Da niemand in einer Welt ständiger Unsicherheit und ohne positive Erwartungen leben kann, muss er die Möglichkeit von Enttäuschungen streckenweise einfach ausblenden.

Auf Systemebene müssen etwa Währungskrisen mit allen Mitteln verhindert werden, damit die generalisierte Zuversicht ins Geldsystem nicht verfliegt. Vertrauen fördert Wachstum und Effizienz, die Versorgung mit öffentlichen Gütern, gesellschaftliche Integration, Verständigung und Kooperation, Lebenszufriedenheit, demokratische Stabilität und Gesundheit. Allerdings hängt die jeweilige Neigung zu Vertrauen und Misstrauen - und die entsprechenden Handlungsdispositionen - von der Interpretation makrosozialer Bedingungen (societal images) ab. Es herrschen ja in der Bevölkerung sehr unterschiedliche Wahrnehmungen der gesellschaftlichen Zustände: Einige sehen ihre Gesellschaft durch tief reichende Konflikte belastet, während andere eher an dauerhaften sozialen Frieden glauben.

Entscheidend ist die Frage, wie «Systemvertrauen» überhaupt entsteht. Vertrauen ins politische System etwa setzt sich aus diversen Vertrauensformen zusammen, die mehr oder weniger gleichzeitig gegeben sein müssen. Systemvertrauen entsteht, wenn das Vertrauen in das Funktionssystem Politik durch Vertrauen in andere Systeme (Wirtschaft, Recht) ergänzt und gerechtfertigt wird. Die Mehrdimensionalität und Interdependenz des Systemvertrauens wird besonders deutlich in Gesellschaften, in denen weder Politik noch Recht, noch Wirtschaft ausreichend funktionieren.

Fragt man nach Determinanten von Systemvertrauen in der Schweiz, so läge es nahe, diese vor allem in den gesellschaftlichen Bedingungen (Sicherheit, Verteilungskonflikte usw.) zu verorten und weniger in individuellen Eigenschaften wie Einkommen und Schichtzugehörigkeit. Sozialforscher haben indes festgestellt, dass in High-Trust-Gesellschaften wie der Schweiz, wo Vertrauen eigentlich ubiquitär ist (nur Südkorea schneidet besser ab), dieses viel stärker vom persönlichen Lebenserfolg und von der sozialstrukturellen Position abhängt als in Low-Trust-Gesellschaften wie etwa Slowenien oder Ungarn. Folglich sei Vertrauensbildung in unserem Land am besten über «Fahrstuhleffekte» zu erzielen, die möglichst breiten Schichten das Gefühl steigender Zufriedenheit und Teilhabe vermittelten.

Daher könnte das aus wachsender Entfremdung resultierende Schwinden der Zuversicht, weiterhin zu den «Gewinnern» zu gehören, diffuse Gefühle der Unzufriedenheit auslösen oder fördern. Wenn das subjektive Wohlbefinden beziehungsweise die Abwesenheit von Sorgen ein starkes Motiv für Vertrauen ist, stellt sich die Frage, wie lange die mentalen Grundlagen des «Erfolgsmodells Schweiz» Bestand hätten, wenn die soziale Ungleichheit zunähme.

Prekäres Vertrauen

Nicht nur unterschätzen wichtige Akteure notorisch das zur Stabilisierung von Systemen erforderliche Mass an Vertrauen, sondern sie verkennen auch das menschliche Bedürfnis, Vertrauensmissbrauch eindeutig zuzuschreiben. Vertrauensbereitschaft wird nämlich prekär, wenn wirtschaftliche Handlungszusammenhänge durch Dezentralisierung ihre «Bodenhaftung» verlieren, wenn die kulturellen Voraussetzungen zerfallen, die unserem Vertrauen als «riskanter Vorleistung» Sinn geben, und, in der Folge, die Instanzen für die klare Zuschreibung und Sanktionierung von Vertrauensmissbrauch fehlen. Diese Entwicklung wird kaum aufzuhalten sein - weder mittels Vertrauen erheischender Selbstdarstellung von Führungskräften noch mittels Verbrämung eigennütziger Motive durch (vermeintlich gemeinnützige) Ansätze wie «Corporate Social Responsibility» und «Public Value». Das scheue Reh ist schnell verjagt und lässt sich lange nicht mehr blicken.

Thomas A. Becker ist Soziologe und Berater von Unternehmen und Institutionen der öffentlichen Verwaltung.

Nota.

Im denkwürdigen Jahr '68, als alle Autoritätem "hinterfragt" (das Wort kam damals in Gebrauch) und die Generation der Väter zur Verantwortung gezogen wurde, hätte die junge Generation, sollte man meinen, ein tiefes Misstrauen in die politischen Institutionen und die sozialen Normen erfüllt. Doch das Gegenteil war der Fall. Wir waren die erste Generation, die nie etwas anderes als ständigen Fortschritt, stets wachsenden Wohlstand und die Sicherheiten des Sozialstaats kennengelernt hatte. Das war unsere Norm und legitimierte unsere Ansprüche.
JE

Mittwoch, 12. Februar 2014

Asien und das britische Weltreich.

aus NZZ, 12. 2. 2014                                                                                                           clio-Foto JM Kiener

Weltgeschichte mit asiatischem Fokus
Pankaj Mishra und John Darwin eröffnen neue Perspektiven auf das 20. Jahrhundert

von Michael Kempe · Geschichte zu betrachten, bedeutet, Zäsuren zu setzen. Für das 20. Jahrhundert beispielsweise sind wir es gewohnt, in den Zäsuren von 1914 und 1989 zu denken. Das eine Datum markiert den Beginn eines Weltkrieges, das andere das Ende des Kalten Krieges. Zwei neue Bücher, die jetzt in deutscher Übersetzung vorliegen, relativieren diese Zäsuren aus globalhistorischer Perspektive und setzen andere. Pankaj Mishra, indischer Essayist, Sachbuchautor und Erzähler, lässt «Aus den Ruinen des Empires» mit dem Jahr 1905 beginnen, weil in jenem Jahr mit der Niederlage Russlands gegen Japan in der Seeschlacht von Tsushima der Wiederaufstieg Asiens begonnen habe. Der britische Historiker John Darwin lässt seine Geschichtserzählung von «Aufstieg und Niedergang des britischen Empire» mit dem Jahr 1997 enden, weil in diesem Jahr mit der Unabhängigkeit Hongkongs das Ende des einstigen Imperiums besiegelt worden sei. Was beide Monografien gemeinsam haben, ist ein neuer Blick auf das vergangene Jahrhundert - ein Blick jenseits der üblichen eurozentrischen Koordinaten. 

Pankaj Mishra: Aus den Ruinen des Empires. Die Revolte gegen den Westen und der Wiederaufstieg Asiens.
Aus dem Englischen von Michael Bischoff. S. Fischer, Frankfurt am Main 2013. 432 S., Fr. 39.90.


John Darwin: Das unvollendete Weltreich. Aufstieg und Niedergang des Britischen Empire 1600-1997
Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz und Michael Bayer. Campus, Frankfurt am Main 2013. 482 S., Fr. 59.90.

Nicht der Anfang des Ersten Weltkrieges oder der Fall des Eisernen Vorhangs scheinen so für den Fortgang der Geschichte und den Weg in die Zukunft entscheidend, sondern die Emanzipation Asiens von der Vorherrschaft der Europäer.


Antiimperialistische Opposition


In den europäischen Geschichtsbüchern galt die Vernichtung der Flotte des Zarenreiches in den Gewässern der Koreastrasse im Mai 1905 bisher vornehmlich als Auftakt zur russischen Revolution von 1917. Pankaj Mishra hingegen verdeutlicht, dass der japanische Sieg in den Augen vieler zeitgenössischer aussereuropäischer Intellektueller vor allem als asiatischer Triumph über die bis dahin unbesiegbar scheinenden Mächte Europas und des Westens gefeiert wurde. Das erwachende Selbstbewusstsein asiatischer Vordenker zeichnet der Autor anhand der Lebensgeschichte zweier - im Westen eher unbekannter - intellektueller Aktivisten nach: Jamal al-Din al-Afghani (1838-1897) reiste durch Europa und Asien und propagierte die islamische Wiedererweckung, Liang Qichao (1873 bis 1929) engagierte sich für die Vereinigung asiatischer Völker und kämpfte für ein wiedererstarkendes chinesisches Nationalbewusstsein. Al-Afghanis Einfluss prägte nachhaltig die panislamischen Bewegungen des 20. und 21. Jahrhunderts bis hin zu Usama bin Ladin oder der Muslimbruderschaft in Ägypten. Qichaos Wirken inspirierte Mao Zedong bei dessen Ausbau des kommunistischen China zur neuen Weltmacht. Anschaulich stellt Mishra dar, dass die Biografien dieser beiden schillernden, umtriebigen Intellektuellen das widersprüchliche Pendeln des antieuropäischen Widerstandes zwischen radikaler Abkehr von der westlichen Moderne und deren partieller Übernahme, zwischen Rückbesinnung auf religiöse Traditionen und der Propagierung revolutionärer Säkularisation widerspiegeln.


Steht bei Pankaj Mishra die antiimperialistische Opposition im Vordergrund, so geht John Darwin der Frage nach, was ein solches Imperium wie das britische so lange zusammenhalten konnte. Trefflich kann der in Oxford lehrende Historiker herausarbeiten, dass das Empire des englischen Königshauses kein monolithisches Gebilde darstellte, das von einer einheitlichen Ideologie oder Vision getragen wurde. Vielmehr konvergierten in der Empire-Idee die unterschiedlichsten Interessen und Utopien, fanden Abenteurer, Siedler, Missionare und Händler einen kleinsten gemeinsamen politischen Nenner. 

Fast vierhundert Jahre hielt das Imperium, nicht weil es straff und zentral regiert wurde, sondern - im Gegenteil - weil es ein loses, dezentrales Netzwerk aus politischen Kooperationen mit jeweiligen lokalen Eliten war, weil es sich ständig neu erfand und permanent improvisierte. Die Herrschaft der Briten blieb unvollkommen, aber gerade diese Unvollkommenheit bildete die Stärke ihres Weltreiches.


Zwiespältige Moderne


Deutlich zeigen die beiden Bücher, dass aus den Ruinen westlicher Imperien eine zwiespältige Moderne erstanden ist. Etwa ein Viertel der heutigen souveränen und wirtschaftlich selbständigen Staaten ist allein aus dem British Empire hervorgegangen. Doch das Streben nach endlosem Wirtschaftswachstum und die dahinterstehende Hoffnung, «dass Milliarden von Konsumenten in Indien und China eines Tages denselben Lebensstandard haben werden wie Europäer und Amerikaner», hält Pankaj Mishra für eine «ebenso absurde und gefährliche Phantasie wie die Träume von al-Kaida». Globale Umweltzerstörung sieht er als möglichen Preis der asiatischen Aufholjagd. Zugleich ist dies auch der Preis für ein Geschichtsverständnis, das Weltgeschichte vorrangig als grosses Ringen imperialer Kräfte deutet. - Wer den Verlauf der Weltgeschichte in solchem Licht interpretiert, muss zu dem Ergebnis kommen, dass sich jeder Sieg über ein Imperium fast zwangsläufig in einen Pyrrhussieg verwandeln wird.